Kirche

Kardinal Marx: „Inklusion darf nicht aus dem Blick geraten“

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Mit Blick auf den Jahrestag der Inkraftsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland am 26. März hat Kardinal Reinhard Marx zu besonderer Achtsamkeit für Menschen mit Behinderung aufgerufen. „Wir dürfen während und auch nach Corona nicht nachlassen und müssen verhindern, dass das Konzept der Inklusion aus dem Blick gerät oder geschwächt wird“, sagte der Erzbischof von München und Freising. Bei einem Videogespräch mit Leiterinnen und Leitern von katholischen Einrichtungen im Erzbistum, die zur Teilhabe und Inklusion beitragen, dankte Marx am Donnerstag, 25. März, für den Einsatz aller, die für Menschen mit Behinderungen Dienst tun.

 

Der Kardinal würdigte die Arbeit jener, die „Menschen mit Behinderung nicht nur betreuen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, wirklich mit zu leben“. Die Maßnahmen zu Schutz vor Corona hätten mit der Beschränkung von Nähe auch „das Gegenteil von Inklusion“ bedeutet und gerade für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen eine große Belastung dargestellt. Umso wichtiger sei die Arbeit unterstützender Stellen, so Marx. Auch die Problematik der in allen Bereichen steigenden finanziellen Belastungen sprach er an. Hier müssten alle Beteiligten um gute Lösungen zum Wohle der Menschen ringen. Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, würdigte die kontinuierliche Arbeit der Mitarbeitenden im Dienst an den Menschen mit Unterstützungsbedarf: „Man spürt, dass Sie für Ihre Arbeit brennen!“ Die Schilderungen aus der Praxis verdeutlichten in dieser schwierigen Phase der Pandemie, „dass Sie Herz und Hirn zusammenbringen“ und so zur bestmöglichen Situation für die zu Betreuenden beitrügen. Die Amtschefin im Erzbischöflichen Ordinariat, Stephanie Herrmann, dankte zudem für verantwortungsvolle Flexibilität angesichts der „immer neuen Verordnungen und Änderungen“ zum Infektionsschutz. „Obwohl es immer komplexer wird, lösen Sie diese Herausforderungen mit Optimismus und Kreativität. Damit machen Sie auch anderen Mut.“, betonte Herrmann.

Robert Pippig, Leiter der Caritas-Werkstatt in Dachau, verdeutlichte exemplarisch die Situation der in seiner Einrichtung Betreuten, nachdem die Werkstatt im März 2020 pandemiebedingt schließen musste: „Sie waren verunsichert und traurig. Es ist Tagesstruktur weggebrochen. Sie konnten ihre Freunde nicht mehr treffen. Vieles von dem, was für sie wichtig ist, war von einem auf den anderen Tag weg“, so Pippig. Die Belastung, die die Mehrheit der Bevölkerung infolge der Corona-Maßnahmen empfinde, träfe insbesondere Menschen mit einer geistigen Behinderung teilweise vielfach härter. Margit Rychly, Leiterin des Caritas Hauses Schonstett richtete den Blick auf die Situation der stationär betreuten Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen. Nachdem ab März 2020 vorerst niemand mehr das Haus verlassen konnte und Besuchsverbot galt, „war es schwer, eine neue Struktur zu schaffen und Sicherheit zu vermitteln“, so Rychly. Bereichernd sei die schnelle Unterstützung aus umliegenden Pfarrgemeinden gewesen: „Der Frauenbund und die katholischen Landjugend unterstützten uns, und wir bekamen innerhalb kürzester Zeit 500 hervorragend genähte Masken, als es am Markt kaum welche gab.“

Esther Friedrich, Leiterin der Interdisziplinären Frühförderstelle in Rosenheim, schilderte die Situation von Kleinkindern, die in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Deren Lage sei durch Corona erheblich erschwert worden: „Während der Pandemie mit Maßnahmen und Masken sehen die Kinder wenige Gesichter und wenige Gleichaltrige. Dabei brauchen sie beides für die Entwicklung ihrer kommunikativen Fähigkeiten“, so Friedrich. Fred Ranner, Leiter der Heilpädagogischen Tagesstätte Josefine Kramer in München, fügte hinzu, für Kinder seien Zugangsbeschränkungen, Abstand und Kontaktverbote zunächst schwer vermittelbar gewesen, jedoch sei auch deutlich geworden: „Je länger eine Phase mit gleich geltenden Regeln dauerte, desto besser konnten die Kinder damit umgehen.“

Josef Limbrunner, Leiter des Monsignore-Bleyer-Hauses in München, wies auf die permanente Sorge hin, „in der Komplexität der Situation Fehler zu machen und vielleicht die Schuld an einer Infektion zu tragen“. Limbrunner beschrieb die Herausforderung, „die Anspannung auszuhalten und Maßnahmen einzuhalten, ohne dass die Stimmung kippt“ und die Bewohnenden positiv gestimmt zu halten. Pia Briesenick, Leiterin des Fachbereichs „Offene Hilfen“ der Münchner Caritas sprach von einem „enormen Spannungsfeld“, in dem sich Führungskräfte etwa im Bereich der Schulbegleitung für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedarfen bewegen mussten. „Wir haben digitale Begleitung angeboten, aber unser Prinzip ‚nah am Nächsten‘ kann das nicht ersetzen, vor allem nicht bei Kindern mit Behinderung“, so Briesenick. So seien zu einer Anpassung der Konzepte und Sorgen um die Gesundheit auch noch Fragen der Wirtschaftlichkeit der Angebote hinzugekommen. Alle Einrichtungsleiterinnen  und -leiter betonten in dem Gespräch das „tragende Miteinander“ zwischen Einrichtungsleitungen und Mitarbeitenden der Caritas sowie Familien und zu betreuenden Menschen, das zu einem besseren Umgang mit den vielen neuen und belastenden Situationen der vergangenen Monate beigetragen habe. (hs)

Bericht: Erzbischöfliches Ordinariat

Archiv-Foto: Hötzelsperger – Orthopädische Kinderklinik Aschau i. Chiemgau im Jahr 2007

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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