Kardinal Reinhard Marx hat sich bei einem Besuch des Pfarrverbands Garching-Engelsberg für das Versagen der Institution Kirche im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt persönlich entschuldigt. „Dass ein Pfarrer, der des Missbrauchs überführt war, bei Ihnen eingesetzt war, ist eine Katastrophe und ich entschuldige mich. Das System Kirche hat versagt. Auch persönlich bitte ich um Entschuldigung; auch nach 2010 hätte vieles besser laufen können“, sagte der Erzbischof von München und Freising bei einer Andacht, die im Anschluss an Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern des Pfarrverbands Garching-Engelsberg am Samstag, 17. Juli, in Garching an der Alz stattfanden. Es ging bei diesen Gesprächen um die Aufarbeitung von Verletzungen, die im Pfarrverband im Zusammenhang mit den Missbrauchstaten erfolgt sind. Kardinal Marx sagte den Pfarreivertreterinnen und -vertretern weitere Unterstützung zu und würdigte die Rolle der Initiative Sauerteig, die sich vor Ort bei der Auseinandersetzung mit dem Thema engagiere.

Missbrauch sei ein „Verrat an der Botschaft Jesu“, sagte Marx und rief dazu auf, genau hinzusehen: „Ich kann Sie nur alle bitten, aufmerksam zu sein, zu hören: Gibt es noch andere Opfer, gibt es noch Menschen, die ihre Geschichte erzählen wollen?“ In einem an den Gottesdienst anschließenden Pressetermin ergänzte Marx, es sei auch in diesen Gesprächen deutlich geworden, „dass Aufarbeitung eine lange Geschichte ist“. Sowohl die Kirche als auch er persönlich als Bischof haben das unterschätzt, wie der Kardinal betonte. Zudem sei der Weg der Aufarbeitung noch lange nicht zu Ende: „Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.“

Zugleich müsse in die Zukunft geschaut werden: „Der zweite Strang der Aufarbeitung ist ja die Reform, die Erneuerung, der synodale Weg.“ Die eine Seite der Aufarbeitung sei, zu klären, was geschehen ist, das Ernst-Nehmen der Betroffenen und die Frage nach den Verantwortlichkeiten. Die andere Seite betreffe die Frage: „Habt ihr gelernt? Wenn das, was wir hier und weltweit in den letzten Jahren in der Kirche erlebt haben, wenn der Schock nicht zu einer Reform führt, dann weiß ich nicht, wie groß der Schock werden muss.“

Bereits im März 2020 trafen Kardinal Marx und die Leitung des Erzbischöflichen Ordinariats eine Gruppe aus dem Pfarrverband Garching-Engelsberg in München, um gemeinsam zu überlegen, wie Verletzungen und Irritationen bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit aufgearbeitet werden könnten. Ein daran anschließendes Treffen im Pfarrverband wurde im größeren Rahmen bislang durch die Corona-Schutzmaßnahmen verhindert. Die beiden Leiterinnen der Stabstelle Prävention von sexuellem Missbrauch im Erzbischöflichen Ordinariat führten im Juli 2020 vor Ort weitere Gespräche und vermittelten einen Diplompsychologen, System- und Traumatherapeuten sowie langjährigen Mitarbeiter des KinderschutzZentrums München, der als externer Begleiter seit August 2020 vor Ort zur Verfügung steht.

Mit den Gesprächen soll die 2010 in ersten Ansätzen begonnene, noch nicht abgeschlossene Aufarbeitung in der Pfarrei fortgesetzt werden. Im März 2010 bestellte das Erzbischöfliche Ordinariat nach einem neuen Missbrauchsvorwurf gegen einen bis 2008 im heutigen Pfarrverband Garching-Engelsberg tätigen Priester einen Rechtsanwalt als unabhängigen Ombudsmann, an den Missbrauchsfälle gemeldet werden konnten. Zudem schickte das Ordinariat ein sechsköpfiges Krisenteam nach Garching/Alz als Ansprechpartner für Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte, des Weiteren standen Mitarbeiter des Regionalteams der Seelsorgsregion Süd und zwei Mitarbeiter der Gemeindeberatung als Gesprächspartner zur Verfügung. In einer Erklärung am 23. März 2010 bat der emeritierte Erzbischof von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, um Entschuldigung. 2015 besuchte Kardinal Marx im Rahmen einer Firmung den Pfarrverband und traf sich mit Vertreterinnen und Vertretern des Pfarrgemeinderates zum Gespräch.

Die Erzdiözese hat derzeit Kenntnis von drei Betroffenen sexuellen Missbrauchs in Garching/Alz, bei denen es konkrete Hinweise auf Taten in den achtziger und neunziger Jahren durch den in dieser Zeit in der Pfarrei eingesetzten Priester gibt, wie dem Pfarrverband Ende 2020 bestätigt wurde. Der Einsatz dieses Priesters in der Pfarrseelsorge und die mangelnde Information der Gemeinde waren angesichts von dessen Vergangenheit schwere Fehler. (ck)

Hinweis: Betroffene sexualisierter Gewalt in der Erzdiözese München und Freising können sich an die unabhängigen Ansprechpersonen für Fälle des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst wenden:

Diplompsychologin Kirstin Dawin
St. Emmeramweg 39
85774 Unterföhring
Telefon: 089 / 20 04 17 63
E-Mail: KDawin@missbrauchsbeauftragte-muc.de

Dr. jur. Martin Miebach
Pacellistraße 4
80333 München
Telefon: 0174 / 300 26 47
Fax: 089 / 95 45 37 13-1
E-Mail: MMiebach@missbrauchsbeauftragte-muc.de

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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