Kirche

Kardinal Marx: Brief zum ersten Fastensonntag

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Der Kardinal und Erzbischof von München-Freising Reinhard Marx hat anlässlich des Beginns der Österlichen Bußzeit einen Hirtenbrief veröffentlicht mit dem Titel „Miteinander den Weg der Erneuerung gehen“:

Liebe Schwestern und Brüder,

welche Vorsätze haben Sie für diese Fastenzeit gefasst? Worauf wollen Sie verzichten? Sieben Wochen ohne Süßigkeiten oder Alkohol oder soziale Medien? Oft geht es beim Verzichten eigentlich um uns selbst, um unser persönliches Wohlergehen, darum innerlich unabhängiger zu werden oder zu probieren, ob wir auf bestimmte Annehmlichkeiten verzichten können. All das hat seinen Wert. Doch in der Fastenzeit geht es um noch mehr: Es geht darum, das eigene Leben wieder neu zu orientieren, sich bewusst zu werden, was es heißt, Christ zu sein. Denn: Jeder von uns hat eine Mission, eine Sendung, einen Auftrag! In der Fastenzeit sollten wir neu überlegen, ob wir unserer Lebenssendung treu sind und wie wir die Kraft finden, den Weg zu gehen, der wirklich unser Weg ist, den nur wir selbst gehen können.

Das Evangelium des ersten Fastensonntages erzählt von der Fastenzeit, die Jesus in der Wüste verbringt. Die 40 Tage sind für ihn ein Nachdenken, Ringen und Beten. Er fragt sich: „Was ist meine Sendung? Wie kann ich den Auftrag Gottes an mich verstehen? Was soll ich tun? Was soll ich den Menschen verkünden? Wie soll ich leben?“ Diese Fragen und die Versuchungen falscher Antworten begleiten ihn durch die Tage in der Wüste.

In seinem Ringen und Beten kristallisiert sich eine Entscheidung, eine Wahl, klar heraus. Es ist die Entscheidung, auf keinen Fall den Weg der Macht und der Herrschaft über andere Menschen zu gehen, sondern im Zeichen der Machtlosigkeit, ja der Ohnmacht, die am Ende am Kreuz sichtbar wird, deutlich zu machen, wer Gott für uns Menschen ist. Es geht ihm ja um das Reich Gottes, darum, dass das Geheimnis Gottes den Menschen erfahrbar wird, dass der Himmel sich öffnet, dass die Wirklichkeit der Liebe Gottes zugänglich wird. Dafür steht Jesus von Nazareth mit seinem Wort, mit seinem Leben und mit seinem Tod.

Wenn wir nun die Österliche Bußzeit beginnen, persönlich und als Kirche, als Volk Gottes, dann werden wir eingeladen, mit Jesus diesen Weg zu gehen und unseren Blick frei zu machen für unsere Sendung, für unseren Auftrag in dieser Zeit. Die Fastenzeit soll ja eine Zeit der Exerzitien für die ganze Kirche sein.

Um den Blick frei zu machen und manchen Ballast abzuwerfen, der uns beschwert und unseren eigentlichen Auftrag verdeckt, gibt uns die geistliche Tradition der Kirche einen Dreischritt an die Hand, den auch Papst Franziskus immer wieder in der Tradition der Spiritualität der Jesuiten neu einübt. Es ist eine geistliche Übung in drei Schritten. Diese drei spirituellen Schritte gehen so:

  1. Es beginnt damit, hinzuschauen und hinzuhören auf das, was geschieht. Die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen muss wirklich ernst genommen werden, und die Stimmen der Menschen, besonders der Schwachen, müssen Eingang finden in unser Herz. Es braucht eine Zeit des Hörens.
  2. Dann kommt der zweite Schritt: das Verstehen, das Unterscheiden. Das ist wichtig, um die Fülle des Wahrgenommenen und der Eindrücke nach Kriterien zu ordnen. Es geht darum, zu begreifen, was Gott mir sagen will durch das, was aus der Realität auf mich zukommt. Hierbei sind die Orientierung am Evangelium und das Gebet das
  3. Und dann erst kommen die Entscheidungen, die Wahl der konkreten Schritte, die neuen Vorsätze und Selbstverpflichtungen, das neue Handeln in unserem persönlichen Leben und im Leben der

Ich lade Sie ein, dass wir auch im Erzbistum München und Freising versuchen, immer wieder neu diese Schritte zu gehen. Dabei weiß ich sehr wohl, dass ich als Ihr Bischof besonders gefordert bin, voranzugehen. Doch in den großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, brauchen wir einander, brauchen wir den gemeinsamen Weg. Und deshalb ist für mich diese Fastenzeit 2019 auch ein besonderer geistlicher Moment, eine Einladung, gemeinsam und mit Jesus Christus zusammen diese 40 Tage zu erleben, um neu zu begreifen, wozu wir gesandt sind, und auch zu verstehen, was hinter uns bleiben muss, wo wir uns ändern müssen und wo wir Wege der Erneuerung gehen können. Deshalb möchte ich die drei Schritte noch einmal durchdenken:

Erster Schritt: Hinhören, Hinschauen

Wenn wir auf die letzten Monate blicken, erfüllt uns – mich jedenfalls – immer wieder das Gefühl der Erschütterung über das, was inmitten der Kirche geschehen ist. Seit Jahren wird uns das mehr und mehr bewusst. Schon seit 2010 beschäftigen wir uns intensiv in der Frage sexuellen Missbrauchs mit Maßnahmen der Prävention und des Kinderschutzes. Und wir haben viel erreicht. Aber ich habe den Eindruck, dass erst jetzt vielen die Herausforderung dieses Geschehens vor Augen steht und auch die Erkenntnis, dass die selbstverständlich notwendigen Maßnahmen zur Prävention, zur Aufarbeitung, zur Orientierung an den Betroffenen nicht ausreichen. Wirklich hinschauen und hinhören bedeutet auch zu sehen, wo falsche Machtstrukturen Hindernisse aufbauen, wo Rechthaberei, Eifersucht und Machtmissbrauch das Klima in der Kirche, in den Pfarreien, in unseren Gemeinschaften vergiften. Wir müssen verstehen, dass wir manche Ursachen des Missbrauchs nur dann überwinden, wenn wir der Wahrheit nicht ausweichen durch Beschwichtigungen und Tabus.

Letztlich gilt für das ganze Volk Gottes, für uns alle, liebe Schwestern und Brüder, aber natürlich besonders für uns Bischöfe und Priester: Wo Anspruch und Wirklichkeit auseinander fallen – wo das, was verkündet wird und das was gelebt wird, nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen sind -, wird die Glaubwürdigkeit der Kirche zerstört und damit unser Auftrag und unsere Sendung unwirksam.

Zweiter Schritt: Verstehen, Unterscheiden

Vom Evangelium her ist klar, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen in der Kirche selbstverständlich sein muss. Das Engagement in dieser Aufgabe müssen und werden wir stetig ausbauen und verbessern.

Aber im Blick auf Jesus sehen wir auch, dass ein Kern des Problems der Machtmissbrauch in der Kirche ist. Jesus selbst geht den Weg der Machtlosigkeit. Wir müssen gemeinsam im Blick auf das Evangelium eine erneuerte Kirche werden, in der ein anderes Miteinander aller sichtbar wird. Ich weiß sehr wohl, dass auch hier wir als Bischöfe besonders gefordert sind, und dem werde ich mich auch stellen in meinen unterschiedlichen Aufgaben.

Die Phase der Unterscheidung ist nicht möglich ohne das Gebet. Das Gebet öffnet unser Herz und unseren Verstand für die Wahrheit, für die Begegnung mit Jesus Christus, für das Wort des Evangeliums. Ohne das gemeinsame und das persönliche Gebet wird der Schritt der Unterscheidung und des Verstehens nicht wirklich getan werden können. Schon jetzt kann man es spüren. Innerhalb der Kirche scheint das Gegeneinander unterschiedlicher Gruppen und theologischer Überzeugungen größer zu werden. Der Schritt des Zuhörens wird nicht gemacht, und damit auch nicht der Schritt des gemeinsamen Verstehenwollen.

Nur aus der Kraft des Gebetes, davon bin ich überzeugt, kommt der Mut, auch wirklich einen Weg der Erneuerung zu gehen, der Veränderung bedeutet und nicht nur zurückblickt, der auf die Zukunft schaut und neue Wege für die Kirche aufzeigt. Deshalb lade ich in dieser Fastenzeit zu drei Gebetszeiten in die Bürgersaalkirche in München ein, damit wir gemeinsam um die Erneuerung der Kirche beten. Und ich bitte auch Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, in diesen Wochen besondere Zeiten des Gebetes für eine Erneuerung der Kirche zu halten. Denn wer zu schnell vom ersten Schritt des Hinschauens zum Handeln weitergeht, überspringt den notwendigen Schritt des Verstehens, des Unterscheidens im Licht des Evangeliums. Dazu ist das Gebet unerlässlich.

Dritter Schritt: Handeln, Entscheiden

Es ist jetzt an der Zeit, als Kirche diese drei Schritte, diesen Weg wirklich zu gehen. Es macht keinen Sinn, nur ein paar Forderungen aufzustellen, ohne dass wir einen solchen geistlichen Weg gehen. Dazu möchte ich auch die Bischofskonferenz ermutigen. Es geht hier nicht einfach um einige kirchenpolitische Maßnahmen, sondern um einen Weg der Erneuerung, der allerdings auch mutig die Themen anpackt, die von den Gläubigen eingebracht werden und die sich auch durch die Diskussionen der letzten Monate als wichtig für den Weg in die Zukunft herausgestellt haben.

In der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz haben wir bereits drei Themenfelder genannt, die aber noch eine wirkliche Vertiefung im Sinne der drei Schritte erforderlich machen:

  • das Thema der Macht, des Machtmissbrauchs und der Kontrolle von Macht in der Kirche,
  • der Blick auf die Ausbildung der Priester und die priesterliche Lebensform
  • und ein erneuerter Blick auf Fragen der Sexualmoral der

Wir können all das nur miteinander besprechen und auch gemeinsam vorangehen, wenn wir die Schritte des Hinhörens und des Unterscheidens nicht auslassen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich verspreche Ihnen, dass ich mich sehr dafür einsetzen werde, dass dieser Weg in unserem Erzbistum und auch in der Kirche in Deutschland gegangen wird mit dem Mut, der aus der Kraft des Gebetes kommt. Und so gehe ich mit Ihnen auch persönlich in diese Österliche Bußzeit mit all den Fragen, die ich mir auch selbst stelle, im Blick auf den Weg der Kirche, aber auch auf mein eigenes Leben, so wie Sie es auch tun, wenn Sie sich neu auf den Weg machen, um zu entdecken, was es heißt, heute Christ zu sein.

So wünsche ich Ihnen eine gute Zeit des Hörens, des Unterscheidens und des Handelns.

Ihr

Reinhard Kardinal Marx

Erzbischof von München und Freising

Foto: © Erzbischöfliches Ordinariat München, Klaus D. Wolf. – Bildunterschrift: Kardinal Marx

Anhang: Fastenhirtenbrief

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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