Natur & Umwelt

Junge Bartgeier: Willkommen zuhause!

Veröffentlicht von Günther Freund

Nächster Meilenstein im Projekt von Nationalpark und LBV: Junge Bartgeier kehren an ihren Auswilderungsort zurück.

Seit einigen Wochen halten sich mehrere der im Nationalpark ausgewilderten Jungvögel im Schutzgebiet und in der Umgebung auf. Und nicht nur das: Zu den Jungvögeln gesellen sich regelmäßig weitere junge Wildvögel. Wie kam es zu dieser auffälligen Häufung an Bartgeier-Beobachtungen rund um den Königssee in den Berchtesgadener Alpen und was bedeutet das für das laufende Wiederansiedlungsprojekt vom Nationalpark Berchtesgaden und dem bayerischen Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz)?

„In den vergangenen Wochen haben wir bei guten Bedingungen regelmäßig mehrere Bartgeier gleichzeitig im Gebiet beobachtet“, freut sich Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel. „Nepomuk, Wiggerl und Generl sind lange Zeit gemeinsam über dem Königssee in Sichtweite zu Vinzenz gekreist, der sich aktuell im nur wenige Kilometer entfernten Tennengebirge aufhält. Die Vögel profitieren in den Wintermonaten von den guten Nahrungsbedingungen im Nationalpark und in angrenzenden Regionen. Hier ist ganzjährig ausreichend Fallwild vorhanden und die Vögel kommen in ihrem neuen Lebensraum außerordentlich gut zurecht.“ Bartgeier sind reine Aasverwerter und ernähren sich im Erwachsenenalter ausschließlich von Knochen und Knochenmark.

Auch die im Jahr 2022 ausgewilderte Bartgeier-Dame Recka beweist, dass sie in den Ostalpen ihr Zuhause gefunden hat. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen hat Recka nie größere Streifzüge durch den Alpenraum unternommen. Die junge Bartgeier-Dame hatte seit ihrer Auswilderung stets eine enge Bindung zum Alpenhauptkamm in Österreich. Nun hat sie dort einen Partner gefunden: „Unsere etwas frühreife Recka hat sich im Nationalpark Hohe Tauern mit einem dort ansässigen, älteren Männchen zusammengetan. Beide haben sich bereits gepaart und bauen gemeinsam an einem Horst“, verrät LBV-Projektleiter Toni Wegscheider. „Mit einer erfolgreichen Brut rechnen wir heuer allerdings noch nicht. Dafür ist Recka noch zu jung. Bartgeier werden in der Regel erst mit rund sechs Jahren geschlechtsreif. Aber die Romanze der beiden zeigt uns: Die im Nationalpark Berchtesgaden ausgewilderten Jungvögel kehren größtenteils nach einigen Jahren des Vagabundierens in den Alpen wieder in ihre Heimat zurück, um dort ein Revier zu gründen. Die ausgewilderten Vögel leisten einen wichtigen Beitrag zur Etablierung der Art in den gesamten Ostalpen.“

Auch den in Berchtesgaden ausgewilderten Junggeiern Sisi, Dagmar und Luisa scheint es in den nördlichen Kalkalpen gut zu gefallen: Sie halten sich seit mehreren Monaten im Karwendel und in den Lechtaler Alpen auf. Damit ziehen derzeit mehrere der seit 2022 ausgewilderten Jungvögel in Regionen bis maximal 190 Kilometer Luftlinie um ihren Auswilderungsort ihre Kreise – eine Situation, die die Bartgeier-Experten zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt: „Ziel des Wiederansiedlungsprojektes von Nationalpark und LBV sind Reviergründungen östlich des Bartgeier-Kerngebiets, das aktuell noch in den westlichen Alpen in Frankreich und in der Schweiz liegt. Unsere Jungvögel zeigen uns, dass wir hier auf einem sehr guten Weg sind“, erklärt Ulrich Brendel.

Bartgeier-Beobachtungen online melden

GPS-Sender übermitteln die Aufenthaltsorte der im Nationalpark Berchtesgaden ausgewilderten Junggeier regelmäßig an eine zentrale Datenbank, einzusehen auf den Webseiten von Nationalpark und LBV unter https://www.lbv.de/naturschutz/arten-schuetzen/voegel/bartgeier/gps-bartgeier/. Dennoch ist das Bartgeier-Team auf Sichtungen angewiesen: Wer Bartgeier entdeckt, wird gebeten, die Beobachtungen mit Angaben zu Ort und Zeit und – sofern möglich – Fotos oder Videos zu melden: bartgeier@npv-bgd.bayern.de oder unter www.lbv.de/bartgeier-melden.

Zum Projekt:

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten, flugfähigen Vögeln der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts war der majestätische Greifvogel in den Alpen ausgerottet. Im Rahmen eines großangelegten Zuchtprojekts werden seit 1986 im Alpenraum in enger Zusammenarbeit mit dem in den 1970er Jahren gegründeten EEP (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) der Zoos junge Bartgeier ausgewildert. Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Während sich die Vögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen nur schleppend voran. Ein vom bayerischen Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) und dem Nationalpark Berchtesgaden gemeinsam initiiertes und betreutes Projekt zur Auswilderung von jungen Bartgeiern im bayerischen Teil der deutschen Alpen greift dies auf und unterstützt in Kooperation mit dem Tiergarten Nürnberg die alpenweite Wiederansiedelung. Dafür werden in den kommenden Jahren im Klausbachtal junge Bartgeier ausgewildert – im Jahr 2021 erstmals in Deutschland. Der Nationalpark Berchtesgaden eignet sich aufgrund einer Vielzahl von Faktoren als idealer Auswilderungsort in den Ostalpen. Mehr Informationen zum Projekt unter www.lbv.de/bartgeier-auswilderung.



Redaktion

Günther Freund

1944 in Bad Reichenhall geboren, Abitur in Bad Reichenhall, nach dem Studium der Geodäsie in München 3 Jahre Referendarzeit in der Vermessungs- und Flurbereinigungsverwaltung mit Staatsexamen, 12 Jahre Amtsleiterstellverteter am Vermessungsamt Freyung, 3 Jahre Amtsleiter am Vermessungsamt Zwiesel und 23 Jahre Amtsleiter am Vermessungsamt Freyung (nach Verwaltungsreform mit Vermessungsamt Zwiesel als Aussenstelle). Seit 2009 im Ruhestand, seitdem in Prien am Chiemsee wohnhaft.

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