Allgemein

Jahresrückblick des Stadtarchivs München 2020

Zum Jahreswechsel blickt das Stadtarchiv München auf das bewegende Jahr 2020 zurück. In einem Weihnachtsgruß schreiben die Mitarbeiter des Stadtarchivs folgendes:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde des Stadtarchivs,

nachdem es heuer keine Christkindlmärkte gibt, haben wir uns für einen Weihnachtsgruß entschieden, der – wenn auch etwas altmodisch – genau die vorweihnachtliche Stimmung wiedergibt, die wir in diesem Jahr vermissen müssen.

Wir wünschen Ihnen trotz aller Einschränkungen eine schöne Adventszeit, angenehme Weihnachtsfeiertage und ein gutes neues Jahr 2021 und vor allem – bleiben Sie gesund!

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs

Rückblick auf das bewegte Jahr 2020

Der Ausbruch der Corona-Pandemie im Januar 2020 hatte einen zuvor nicht vorstellbaren Einfluss auf die gesamte Lebenswirklichkeit unser Gesellschaft und damit auch auf das Stadtarchiv München. Komplett- und Teilschließungen des Archivs beeinträchtigten den gewohnten Dienstablauf der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ebenso die Arbeitsmöglichkeiten der Benutzerinnen und Benutzer.

Als die Stadt München im März eine Task-Force „Corona“ einrichtete, um die Betreuung von an Covid Erkrankten und die Nachverfolgung von Infektionsketten zu organisieren, wurden auch vier Kolleginnen und Kollegen des Stadtarchivs zur Mithilfe abgeordnet. Ihnen sei an dieser Stelle für ihren anstrengenden gesellschaftlichen Einsatz ausdrücklich Danke gesagt.

Ungeachtet aller Einschränkungen und Erschwernisse lief die Arbeit im Archiv weiter. Die wegen der Archivschließung umso reicher einlaufenden Anfragen wurden beantwortet und so mancher Bestand konnte bearbeitet werden. Einige besonders wichtige Aktivitäten und Neuzugänge seien im Folgenden berichtet:

Tag der Archive 2020

Am 7. März 2020, wenige Tage vor dem ersten coronabedingten Lockdown, fand der alle zwei Jahre als bundesdeutsche Veranstaltung organisierte „Tag der Archive“ statt. Das Stadtarchiv München zeigte ausgewählte Exponate aus der Grafik-Sammlung des Historischen Vereins sowie „Münchner Originale“ aus der Foto-Sammlung von Karl Valentin. Außerdem wurden Magazin-Führungen angeboten und Beispiele aus der Tonsammlung des Stadtarchivs vorgeführt.

Die “Corona”-Sammlung des Stadtarchivs

Seit Beginn der Pandemie dokumentieren einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs München die Auswirkungen des Virus auf das städtische Leben, denn das Alltagsleben der Münchnerinnen und Münchner hat sich seither ja massiv verändert. Diese Veränderungen späteren Generationen zu überliefern, gehört ebenso zu den Aufgaben des Stadtarchivs wie die Übernahme und dauernde Aufbewahrung städtischer Akten etc. Zu dieser Dokumentation gehören neben umfangreichen Foto-Serien – anfangs von leergeräumten Ladenregalen, geschlossenen Gaststätten und Spielplätzen etc., mittlerweile auch von Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen … – auch die unterschiedlichsten schriftlichen Unterlagen zum Thema: Behördliche Anweisungen, Corona-Angebote von Restaurants und Geschäften, kirchliche Angebote, Infos für Seniorenheime und Kindergärten, Einladungen zu Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen, private Initiativen u.v.m.

Wenn Sie möchten, sammeln Sie bitte mit für uns! Gesucht werden die unterschiedlichsten schriftlichen Unterlagen zum Thema: Behördliche Anweisungen, Corona-Angebote von Restaurants und Geschäften, kirchliche Angebote, Infos für Seniorenheime und Kindergärten, Einladungen zu Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen, private Initiativen u.v.m. Auch wenn die Notwendigkeit solcher Unterlagen bedauerlich ist, freuen wir uns über Ihre Einsendungen!

Neues aus der Bibliothek

Die historische Fachbibliothek der Franziskaner-Spaten-Leist-Brauerei, Teil des ehemaligen Firmenarchivs, aus dem Nachlass von Fritz Sedlmayr (1879–1973) mit einem Umfang von 1.241 Titeln und 15 lfd. m Zeitschriften ist nach einer Bearbeitungszeit von 3 Monaten jetzt vollständig im Onlinekatalog erfasst. Die Fachbibliothek der Brauerei geht vermutlich bereits auf die Sammeltätigkeit ihres Gründers Gabriel Sedlmayr d. Ä. (1772–1839) zurück, liegt doch der zeitliche Schwerpunkt der enthaltenen Werke im Zeitraum zwischen 1750 und 1840. Sie bildet damit das mit Abstand älteste Bestandssegment der Archivbibliothek (nicht der Vereinsbibliothek).

Fritz Sedlmayr entstammt der traditionsreichen Münchner Brauerfamilie, die der königliche Hofbraumeister Gabriel Sedlmayr d. Ä. begründet hatte. Fritz Sedlmayr war Mitinhaber der Franziskaner-Spaten-Brauerei und verfasste zahlreiche brauereihistorische Arbeiten, darunter “Die Geschichte der Spatenbrauerei und brauereigeschichtliche Beiträge. Band 1-2. München; Nürnberg, 1934-1949”.

Der nun katalogisierte Bestand unterscheidet sich inhaltlich deutlich vom sonstigen Sammlungsgut der Archiv-Bibliothek. Thematischer Schwerpunkt sind Technologie und Geschichte des Brauwesens und der Branntweinbrennerei und Literatur aus der Epoche der Aufklärung zur Technik der frühen Industrialisierung, vielfach reich illustriert mit Kupferstichen oder Lithographien, daneben aber auch Werke zur Geschichte der Naturwissenschaften und Titel agrarhistorischen, ökonomischen und medizinischen Inhalts. Mit Erscheinungsorten wie Berlin, Leipzig, Breslau, Wien, Prag, Brünn, Lemberg und Kopenhagen wird der gesamte seinerzeit deutschsprachige Raum abgebildet. Obwohl viele Titel parallel in den Bibliotheken des Wissenschaftszentrums der TU in Weihenstephan, in der Bibliothek des Deutschen Museums und in der Agrarhistorischen Bibliothek Herrsching vorhanden sind, war doch ein ansehnlicher Teil in Bayern und ein kleinerer Teil sogar im gesamten Bundesgebiet bisher nicht nachgewiesen.

Neue online-Angebote

Im Frühjahr wurde auf der Homepage des Stadtarchivs die von Helmuth Stahleder, dem ehemaligen stellvertretenden Leiter des Stadtarchivs, erarbeitete Transkription der Ratsprotokolle der Jahre 1459 bis 1501 unter www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Stadtarchiv/Publikationen.html online gestellt. Neben den Steuerbüchern (seit 1368) und den Kammerrechnungen (seit 1318) sind diese der zentrale Bestand im Stadtarchiv München, der Auskunft über Vorkommnisse in München im Mittelalter und der frühen Neuzeit geben kann.

Die vom Stadtarchiv betreute Grafik-Sammlung des Historischen Vereins von Oberbayern (ca. 17.500 Motive) wurde in den letzten Jahren mit Mitteln des Bayerischen Kultusministeriums neu katalogisiert und digitalisiert. Nun wird sie Zug um Zug in das von der Bayerischen Staatsbibliothek betreute Portal bavarikon eingestellt. Insgesamt finden Sie dort derzeit ca. 11.000 Blätter des Vereins, darunter knapp 5.900 Skizzen und Zeichnungen des Malers Georg von Dilis (1759-1841); letztere befinden sich als Dauerleihgabe des Vereins im Lenbachhaus. Die Digitalisate sind zu finden unter www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000001019.

Unter www.gedenkbuch.muenchen.de kann seit Oktober die aktualisierte digitale Version des Biografischen Gedenkbuchs der Münchner Juden 1933-1945 im Internet erreicht werden. Sie enthält Kurzbiografien und – soweit vorhanden – Fotografien von rund 5.000 während der NS-Zeit ermordeten, gestorbenen oder in den Suizid getriebenen jüdischen Münchnerinnen und Münchnern und wurde erstmalig 2003/2007 vom Stadtarchiv München als zweibändige Kollektivbiografie veröffentlicht. Seit 2012 ist es auch im Internet zugänglich.

Das Biografische Gedenkbuch bietet allen interessierten Menschen die Möglichkeit, den Opfern der Shoah näher zu kommen. Die grundlegend überarbeitete, neue Version des Online-Gedenkbuches stellt neben erweiterten Recherche-Möglichkeiten ausführliche Informationen zu den Verfolgungsorten sowie zur Emigration und Deportation der Münchner Juden zur Verfügung. Sobald neue Erkenntnisse zu einzelnen Verfolgungsschicksalen bekannt werden, aktualisiert das Stadtarchiv die Daten nun in Echtzeit.

Ein bedeutender Neuzugang

Im Herbst übergab die Typographische Gesellschaft München e.V. (tgm) Unterlagen an das Stadtarchiv München. Die bereits 1890 gegründete “tgm” ist bis heute eine der führenden Gesellschaften für die Diskussion und Fortentwicklung der Gestaltung von gedruckten Medien. Nun hat das Stadtarchiv München alle seit 1949 entstandenen Drucksachen der Gesellschaft übernommen. Die “tgm” gehört zur kulturellen Geschichte Münchens. In den 1920er und 1930er Jahren von sehr aktiven Mitgliedern wie Jan Tschichold, Paul Renner, Georg Trump u.a. betreut oder geleitet, ist sie bis heute aktiv an den Diskussionen um eine zeitgemäße Schrift- und Drucksachen-Gestaltung beteiligt. Dabei kann es sich ebenso um gedruckte wie digitale Texte handeln.

Dass die Drucksachen der “tgm” seit 1949 jetzt an das Stadtarchiv München übergeben wurden, ist erfreulich. Ein Teil der Geschichte der “tgm” bleibt so erhalten und ist im Archiv nachvollziehbar. Da der gesamte Bestand an Drucksachen und Büchern der “tgm” aus den Jahren 1890 bis 1933 in der Bayerischen Staatsbibliothek München am Ende des Zweiten Weltkrieges verbrannte, sind die nun übergebenen Drucksachen umso wertvoller, denn sie belegen immerhin schriftgestalterische Entwicklungen der vergangenen 75 Jahre.

Die Sammlung “Typographische Gesell-schaft München e.V.” besteht in 73, nach Jahrgängen geordneten Mappen aus dem Zeitraum 1949 bis 2020. Diese enthalten Jahresprogramme, Bücher der “tgm” sowie Einzeldrucksachen. Da es lange Zeit üblich war, dass die “tgm” zu jeder Veranstaltung individuell einlud, ergab sich auf diese Weise ein reicher Schatz an typographischen Arbeiten. Die Sammlung wurde von Xaver Erlacher, einst der Chefkorrektor der Süddeutschen Zeitung, begründet und bis 1996 gepflegt. Danach wurde sie von Rudolf Paulus Gorbach fortgeführt.

Übergabe neuer Gedenkstelen

Die Koordinierungsstelle | Erinnerungszeichen übergab im Jahr 2020 an sieben Orten Erinnerungszeichen für insgesamt 15 Menschen, die aufgrund rassistischer, politischer und religiöser Verfolgung, wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer tatsächlichen oder angeblichen Krankheiten oder ihres unangepassten Verhaltens in der NS-Zeit ihr Leben verloren. Konnten die ersten Übergaben noch öffentlich stattfinden, so war dies ab März aufgrund der Covid-19-Beschränkungen leider nicht mehr möglich. Die Veranstaltungen wurden jedoch live im Internet übertragen. Die Videos können unter www.erinnerungszeichen.de/live angesehen werden. Sieben Termine mussten auf das nächste Jahr verschoben werden.

Publikationen aus dem Stadtarchiv

Schließlich sei noch auf vier Veröffentlichungen hingewiesen, die 2020 in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv erschienen sind:

  • Matthias Klein: Münchner Goldschmiede bis zum Ende der Zunftordung 1868. Wappenbücher, Meisterlisten, Markentafel, München: Scaneg Verlag 2020 384 S., ISBN 978-3-8923-5808-7, 78,00 EUR
  • Elisabeth Angermair/Andreas Heusler (Hg.): Machtwechsel. München zwischen Oktober 1918 und Juni 1919, München: Volk Verlag 2020, 240 S., ISBN 978-3-86222-337-4, 24,90 EUR
  • Bernhard von Zech-Kleber: Eine Sommerfrische ersten Ranges. Geschichte des Tourismus in Berchtesgaden, Oberstaufen und Schliersee (1800-1970), München: utzverlag 2020 (Miscellanea Bavarica Monacensia 190), 560 S., ISBN 978-3-8316-4871-9, 49,00 EUR
  • Felix Hinz / Andreas Körber (Hg.): Geschichtskultur – Public, History – Angewandte Geschichte”, Stuttgart: utb GmbH 2020, 512 S., ISBN 978-3-8252-5464-3, 40,00 EUR

Bericht und Bilder: Stadtarchiv München

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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