Leitartikel

Glentleiten: “Die Blumenfrauen vom Viktualienmarkt”

Die Sonderausstellung „Die Blumenfrauen vom Viktualienmarkt. Fotoarbeiten von Hildegard Kaup (1924-2016)“ geht an der Glentleiten in die Verlängerung: Die Schau rund um beeindruckende Schwarz-Weiß-Aufnahmen der aus Westfalen stammenden Fotografin Kaup sind im Freilichtmuseum des Bezirks Oberbayern noch bis einschließlich 11. Juli 2021 zu sehen. Die 1948/49 in München entstandenen Fotografien beleuchten ein Stück Alltagsgeschichte in der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Die Fotografien

Mehrere Frauen stehen in den gezeigten Bildserien von Hildegard Kaup im Fokus: Eine alte Dame begleitete sie zum Beispiel von morgens bis abends – beim Verlassen des Hauses über den Weg zum Bahnhof, die Fahrt an den Stadtrand, das Sammeln von Wildblumen, die Brotzeit dazwischen, den Heimweg und schließlich den Verkauf auf dem Viktualienmarkt. Es ist ein „Bildbericht“ über eine Frau entstanden, der man ihre Lebensstrapazen ansieht, die aber scheinbar dennoch ihr Leben in die Hand zu nehmen wusste. Ähnlich intensiv fing Kaup in einer zweiten Fotoserie eine weitere Blumenverkäuferin ein. Mit den Fotografien über Münchner Blumenfrauen entstanden nicht nur eindringliche Aufnahmen einzelner Personen, sie schuf darüber hinaus auch ein Porträt des Alltagslebens in einer zum Großteil zerstörten Stadt. Im Hintergrund sind zuweilen etwa Menschenschlangen zu sehen, die an einer Freibank für Fleisch anstehen. Die fotografische Herangehensweise Kaups beschreibt die Künstlerin Gabriele Wilpers, zunächst Auszubildende bei Hildegard Kaup und später eine enge Freundin der Fotografin, so: „Es war das Kleine und Unauffällige, das sie interessierte, nicht das Laute und Spektakuläre. Immer blieb sie eine Staunende, war ihr die Wahrnehmung der Welt ein Ereignis.“

Die Ausstellung zeigt neben den Blumenfrauen auch den Einstieg Hildegard Kaups in die Fotografie, eine Auswahl ihrer Münchner Studien sowie Fotografien aus ihrer Zeit im familiär geführten Fotoatelier in Geseke/Westfalen.

Die Fotografin

Neben den Aufnahmen thematisiert die Sonderschau in gewisser Weise auch die Professionalisierung eines Handwerksberufes und stellt eine für damalige Verhältnisse eher ungewöhnliche Frauenerwerbsbiografie vor: Hildegard Kaup, 1924 in Lippstadt geboren, wuchs im westfälischen Geseke auf. Ihr Vater betrieb dort seit 1931 ein Fotoatelier, in dem sie bis 1943 eine Fotografenausbildung absolvierte. Nach dem Krieg – das Versprechen hatte sie ihrem Vater abgerungen – sollte es für ein Jahr nach München an die Bayerische Staatslehranstalt für Lichtbildwesen gehen. 1948 war es soweit: Bei der Fortführung ihrer Ausbildung stand in Bayern nun die künstlerische Fotografie im Fokus, neben neuen Techniken und Methoden wurden auch die aktuellen fotografischen Trends der Zeit vermittelt. Mit frischen Ideen im Gepäck kehrte Hildegard Kaup nach Geseke zurück und stieg in den Familienbetrieb ein. 1956 legte sie die Meisterprüfung ab und übernahm das Atelier 1958 nach dem Tod des Vaters ganz. Sie führte es bis 1986, war zweimal verheiratet und schuf neben kommerziellen Auftragsarbeiten auch zeitlebens freie Aufnahmen, z.B. im Bereich der Natur- oder Industriefotografie.

Die Sonderschau wurde vom LWL-Freilichtmuseum Detmold erarbeitet, dem Hildegard Kaup ihren fotografischen Nachlass vermacht hat. Sie ist während der Öffnungszeiten der Glentleiten (derzeit täglich 10:00 bis 17:00 Uhr) bis zum 11. Juli 2021 zu sehen. Im Museumsladen ist zur Ausstellung eine Postkartenmappe mit einigen ausgewählten Motiven erhältlich.

Text: www.glentleiten.deBildrechte: LWL-Freilichtmuseum Detmold (Foto: Kaup)

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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