Brauchtum

Erinnerungen an die Gründung der Blaskapelle Wildenwart vor 65 Jahren

65 Jahre werden es in diesem Herbst, dass in der damals noch selbstständigen Gemeinde Wildenwart eine Blaskapelle gegründet worden ist. Gründer war der damalige Lehrer Albert Pfaffenzeller senior. Dessen gleichnamiger Sohn und der junge Peter Donauer  machten sich damals auf den Weg, um von Haus zu Haus   junge Burschen von der Idee zu begeistern.  Im September 1955 nach den bayerischen Ferien war es dann soweit: rund 30 Jung-Musikanten fanden sich  zu einer ersten Zusammenkunft im Raum unterhalb der Sakristei der Wildenwarter Pfarrkirche „Christkönig“ ein.

Um die Erinnerungen an die Gründungszeit wachzuhalten, lud in diesen Sommertagen Vorstand Helmut Rosenwink junior eine Handvoll Alt-Musikanten in das vor wenigen Jahren errichtete Musikantenheim bei der Wildenwarter Schule ein. Albert Pfaffenzeller, der schon in vorherigen Lehrer-Wirkungsstätten zweimal eine Blaskapelle gründete, ging in Wildenwart besonders ehrgeizig vor als er im September 1955 behauptete: „An Weihnachten spielen wir die ersten Lieder!“. Darauf reagierten die Wildenwarter mehr als skeptisch. Johann Rinser,  Sägewerksbesitzer aus Kaltenbach und ein engagierter Trachtler, bot gleich eine Wette an. Um es vorweg zu nehmen: an Heilig-Abend wurde von der jungen Kapelle erstmals öffentlich gespielt, die Wette wurde eingelöst und zudem spendierte Jäger Leopold Schlosser aus Stetten noch ein Rehessen. Doch bis es soweit war, musste viel geleistet werden. Albert Pfaffenzeller senior schrieb zahlreiche Noten, Instrumente mussten gesucht, organisiert und finanziert werden und das alles ging nicht ohne Hindernisse, wie Peter Aicher senior zu berichten weiß: „Der Bauer Wast, Landmaschinenhändler aus Prien fuhr mit ein paar Leuten und mit einem Anhänger nach München, um gebrauchte Instrumente zu holen, bei der Heimfahrt auf Höhe des Irschenbergs verloren sie eine Posaune, die wir aber wieder erwischten; meinerseits bekam ich von meinen Eltern eine neue Trompete, was mich sehr stolz machte“. Eine weitere Erinnerung kam von Josef Fischer, der 1955 als Pfifferloher der Jüngste mit 15 Jahren und lange Jahre Musikmeister war, zur Notenkunde: „Albert Pfaffenzeller bat Jeden, der Interesse an der Blaskapelle hatte, Papier und Lineal mitzubringen, damit wir uns beim Zeichnen der Noten diese besser einprägen als wenn wir sie nur gehört hätten“, so zu den Proben, die mehrmals wöchentlich zuerst in der Wildenwarter Sakristei und später beim Prutdorfer Wirt abgehalten wurden, im Advent kam es gar zu fünf Proben in der Woche.

Finanziell war es nicht einfach, denn neben den Instrumenten musste auch die Kleidung einschließlich dem Musikantenhut bezahlt werden. Hans Summerer aus Mitterweg, von 1948 bis 1970 Erster Vorstand beim Trachtenverein „Daxenwinkler“ Atzing erklärte sich für einen sogenannten Gut-Stand in Höhe von 1.000 Mark bereit nachdem Kirche und Gemeinde diesen Gut-Stand abgelehnt hatten. Ein monatlicher Mitgliedsbeitrag von 3 Mark sowie ein einmaliger Beitrag von 50 Mark für den Instrumentenkauf waren die Basis für eine allmählich immer solider werdende Finanzierung. Nachdem für jeden Burschen, der mitmachen wollte, ein Instrument ausgesucht war, ging es an die Proben bis zur Weihnachtsaufführung an Heilig Abend bei der Wildenwarter Kirche. Der 70. Geburtstag seiner Königlichen Hoheit Prinzessin Helmtrud von Bayern, wohnhaft im Wildenwarter Königsschloss, war 1956 der erste große Auftritt nach der Weihnachts-Premiere. Das erste mal Marschmusik spielend war dann zwei Jahre später bei der 1000-Jahr-Feier in Umrathshausen.  Die Auftritte und Anfragen wurden nicht nur immer mehr, musikalische Gestaltungen bei Hochzeiten, Tanz- und Silvesterveranstaltungen  oder bei Trachtenfesten waren bald auch von Nachbarorten angefragt. 1962 ging es erstmals mit der Jungbauernschaft Stephanskirchen und mit dem Trachtenverein Riedering zur „Grünen Woche“ nach Berlin, 1965 sogar ein zweites Mal und etwas später mit den Atzinger Trachtlern zu einer Werbeaktion der Priener Kurverwaltung nach Hamburg. „Bei einem Tag der Milch in München trafen wir unter anderem mit Ministerpräsident Alfons Goppel und mit Landtagspräsident Rudolf Hanauer zusammen, das war schon ein besonderes Erlebnis“ – erinnert sich Sepp Höhensteiger als einer der Gründungs-Musikanten. Weitere Erlebnisse der reisefreudigen Wildenwarter Blasmusikanten galten unter anderem einer Einladung zusammen mit den Trachtlern von Riedering nach Frankreich. „14 Mann von uns waren eine Woche unterwegs, in Straßburg und Paris haben wir viel gesehen und bei der Rückfahrt spielten und plattelten  wir bei einem Heimatabend mit Weinfest in Meckenheim, da wurde es spät und lustig“ – so ähnlich hieß es beim Rückblick auch auf eine Fahrt zur Nibelungenhalle in Passau, bei der es von der Wirtin ungewohnt viel Freibier gab. Weitere Fahrt-Erinnerungen galten Auftritten in Berlin bei der ZDF-Drehscheibe mit den Wildenwarter Trachtlern oder die Refrain-Begleitung des niederbayerischen Gstanzlsängers Jakl Roider bei einem Veteranenfest in Viechtach im Bayerischen Wald.

„Immer was zum Lachen, nur einmal nicht“

„Wir hatten immer was zum Lachen, nur einmal nicht, als wir bei einem Musikfest in Aschau in der dortigen Festhalle zum Wertungsspiel am vormittag angemeldet waren und unser Dirigent Albert Pfaffenzeller nicht kam. Gott sei Dank kam er am nachmittag und wir durften doch noch antreten“. Besonders viel zu lachen gab es in der eigenen Heimat bei den bisherigen Faschings-Hochzeiten, erstmals war dies 1975 der Fall. „Wia die Zeit vergeht“ – mit diesem Titel hat die Enkeltochter  des Gründers, Gabriele Pfaffenzeller im Rahmen ihres Studiums zum Lehramt für Musik am Gymnasium an der Musikhochschule  in der Ludwig-Maximilians-Universität in München  ein fast 180 Seiten starkes Buch über die Wildenwarter Blaskapelle zu dessen 35. Geburtstag im Jahr 1990 verfasst. Heute, 65 Jahre nach der Gründung auf wackeligen Beinen steht die Kapelle bestens da, unter anderem mit einer Zwerger- und Jugendkapelle (unter der Leitung von Eva-Maria Gruber), mit der Erwachsenen-Kapelle (unter der Leitung von Sebastian Graf), mit einem seit vielen Jahren hilfreichem Förderverein (mit Vorstand Jakob Steiner aus Atzing) sowie mit einem eigenen Musikantenheim (mit Förderung der Gemeinden Prien und Frasdorf). Bisherige Dirigenten waren Albert Pfaffenzeller, ihm folgten unter anderem Max Kempinger, dessen Sohn Paul Gerd Kempinger, Wolfgang Kink und derzeit Sebastian Graf.

Foto/s/ Repros: Hötzelsperger – Erinnerungen an die Wildenwarter Blaskapelle

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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