Leitartikel

Erinnerung: Bayern vor 150 Jahren: Krieg 1870/71

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Ein Beitrag von Michael Stumpf, Bayerische Einigung (entnommen der Zeitschrift Bayernspiegel) –  Die Geschichte ist reich an Ereignissen, auch an militärischen. Kaum ist das fünf Jahre währende Kapitel „100 Jahre 1. Weltkrieg“ abgeschlossen, taucht als nächstes denkwürdiges Datum dieser Art „150 Jahre Krieg 1870/71“ auf. Krieg und Folgezeit haben ihre Spuren in Bayern hinterlassen und das Land praktisch bis zum Beginn des 1. Weltkriegs geprägt.

Es lohnt sich also, einen Blick auf die damaligen Ereignisse einschließlich ihrer Vorgeschichte zu werfen. Seinerzeit noch einem kundigen Zirkel vorbehalten ist die Tragweite der Emser Depesche vom 13. Juli 1870 mit der Bismarck Napoleon III. zur Kriegserklärung provoziert; diese läßt auch nicht lange auf sich warten und erfolgt am 19. Juli. Damit tritt der Krieg in das Bewußtsein der Bevölkerung, vor allem in Bayern, das wegen der Rheinpfalz Grenznachbar zu Frankreich ist. Zu den ersten nennenswerten Kampfhandlungen zählt die Einnahme der Grenzstadt Weißenburg im Elsaß durch Einheiten der Bayerischen Armee am 4. August 1870. Noch heute steht in Weißenburg ein feiner Bayernlöwe aus Stein zur Erinnerung an das damalige Ereignis. Nach über hundert Jahren hat die Zeit deutliche Spuren an dem Löwen hinterlassen. 2011 wird er in einer Gemeinschaftsaktion von Gemeinden der Südlichen Weinstraße, des Weißenburger Lands und aus Bayern erneuert. Siegreich sind deutsche Einheiten auch zwei Tage später, am 6. August, bei Wörth. Mitten im Zentrum von Wörth erinnert heute noch das Bayerndenkmal an damals. Der Bevölkerung in Weißenburg und Wörth gilt der Dank für ihre Besonnenheit zur Erhaltung der Denkmäler. Nicht erhalten wurde hingegen in Wörth das monumentale, insgesamt gut zwölf Meter hohe Denkmal des seinerzeitigen Heerführers und nachmaligen 100-Tage-Kaisers Friedrich III. Es verschwand 1919, als das Elsaß nach dem verlorenen 1. Weltkrieg wieder französisch wurde. Das Material der fünf Meter hohen Reiterstatue aus Bronze fand eine neue Verwendung für Kirchenglocken; diese waren der Ersatz für die im Krieg abmontierten und eingeschmolzenen. Der Kopf der Statue war in Paris verwahrt und ist im vergangenen Jahr nach Woerth zurückgekehrt.

Einheiten der Bayerischen Armee sind auch bei der kriegsentscheidenden Schlacht von Sedan am 2. September 1870 dabei;  sie endet mit der Gefangennahme von Napoleon III.. Den Siegern ist das Ereignis das Prägen einer Erinnerungsmedaille wert. Für die Bayern fast noch wichtiger als Sedan ist die Vorortgemeinde Bazeilles. Dort geraten die Bayern in eine echte Bedrängnis, und haben Mühe, sich ihrer Haut zu wehren. All das ist bestens dargestellt im dortigen Museum „Maison de la dernière cartouche“. In dem Museum ist auch zu sehen, wie die Franzosen unter dem Motto „Moralische Überlegenheit in der Niederlage“ psychisch mit dem verlorenen Krieg umgegangen sind; am anschaulichsten kommt dies in den geschönten Schlachtendarstellungen in den Gemälden zum Ausdruck. In eine ähnlich mißliche Lage kommen die Bayern im Oktober und November 1870 in Orleans und vor allem in der einige Kilometer westlich gelegenen Gemeinde Coulmiers. Das dortige Gefecht vom 9. November endet mit einer eindeutigen Niederlage der Bayern. Orleans und Coulmiers sind ein Beispiel wie dramatische Ereignisse im Volkslied festgehalten und auf diese Weise in der Heimat verbreitet wurden. So wird das tapfere 2. Jägerbataillon, das „Z’Orleangs wohl an der Kirchhofsmauer“ für „König, Land und Leben“ focht, im ganzen Land berühmt. Besonders überzeugend wird die Dramatik der Situation, wenn sich in einer oberbayerischen Wallfahrtskirche eine Votivtafel findet, die einen Angehörigen eben dieses 2. Jägerbataillons auf dem Sterbebett im Feindesland zeigt. Der Soldat hat sich nicht vergeblich der Schmerzhaften Gottesmutter verlobt; sein Flehen fand Gehör und er überlebte.

Unverzichtbar bei jeder Betrachtung des Kriegs von 1870/71 ist die Belagerung von Paris; schließlich dauert sie mehrere Monate und veranlaßt die französische Seite um einen Waffenstillstand nachzusuchen, der dann Ende Januar 1871 in Kraft tritt. Wenige Tage vorher, am 19. Januar, unternehmen französische Einheiten einen letzten und ebenfalls erfolglosen Ausfallversuch. In der bodenständigen Bevölkerung von Bayern kommt der Stolz über den gewonnenen Krieg unter anderem in Spottliedern über Kaiser Napoleon III. zum Ausdruck, so wie das bereits bei der Niederlage von Kaiser Napoleon Bonaparte der Fall war. Eine andere Attraktion, die dem Stolz Ausdruck verleiht, sind die Panoramen, die Riesen-Rundgemälde von bis zu 15 Metern Höhe und 120 Metern Länge. Für Bayern besonders interessant ist der Kampf um Weißenburg und die Belagerung von Paris. Zu sehen sind seinerzeit beide auch im Panorama-Gebäude an der Theresienstraße in München. Am Berliner Alexanderplatz steht von 1883 bis 1908 ein Panoramagebäude in dem die Schlacht von Sedan bewundert werden kann. Panoramen sind auch bei den Franzosen bekannt; in Paris, an den Champs-Elysées, stehen noch heute zwei dieser Rundgebäude. Ein beliebter Vertreter bei den Franzosen ist das Panoramagemälde, welches die Schlacht von Mars-la-Tour/Rezonville bei Metz vom 16. August 1870 dokumentieren soll. Seine Väter sind die Maler und vormaligen Kriegsteilnehmer Alphonse de Neuville (auch Schöpfer des Bildes der „letzten Patrone“ von Bazeilles) und Edouard Detaille. Teile des Panoramas sind heute im Museum von Gravelotte zu bewundern. Werke dieser Art haben in der unmittelbaren Nachkriegszeit, aber auch später, einen enormen Erfolg bei der Bevölkerung, weil sie die für die Franzosen in der Regel nicht vorteilhafte Situation geschönt darstellen. Das hilft der Bevölkerung die Niederlage zu verarbeiten, fördert aber gleichzeitig auch den Revanchegedanken und damit den Beginn des nächsten Kriegs.

In Frankreich ist man mit einigem Erfolg bemüht, die Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse am Leben zu erhalten. Gelungene Beispiele sind die beiden erwähnten Museen in Bazeilles und Gravelotte. Sie könnten gegensätzlicher nicht sein, werden aber beide ihrem Anspruch hervorragend gerecht: Das „Maison de la Dernière Cartouche“ in Bazeilles ist an Authentizität nicht zu überbieten; in dem historischen Gebäude mit seinen Einschußnarben vom 1. September ist ergänzend zu den reich ausgestatteten Ausstellungsräumen ein Zimmer im Originalzustand nach dem Ende des Kampfes erhalten; das Museum wird vom Traditionsverein der Marinetruppen getragen. Das Museum zum Krieg von 1870 und zum Reichsland Elsaß-Lothringen in Gravelotte ist in einem modernen Gebäude aus dem Jahr 2014 untergebracht; sein Träger ist das Departement Moselle/Mosel. Weil auch hier die Ursprünge der Sammlung auf die unmittelbare Nachkriegszeit zurückgehen, sind die Exponate von hohem Wert. Beide Museen zeichnen sich noch dadurch aus, daß in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft historische Beinhäuser zu finden sind, in denen deutsche und französische Soldaten gemeinsam ruhen. Ein insbesondere für Bayern interessantes Museum befindet sich in Woerth. Die reichhaltige Sammlung an Ausrüstungsgegenständen ist hauptsächlich bayerischen Ursprungs. Das Museum bildet mit dem Bayerndenkmal und den gut 20 deutschen und französischen Denkmälern auf dem Schlachtfeld ein erkundenswertes Ensemble.

Abbildungen zur Auswahl (zugeordnet den gelb markierten Stellen im Text)

Einweihung des erneuerten Bayernlöwen von Weißenburg im Elsaß am 15. Oktober 2011, unterstützt aus Mitteln der Bayerischen Volksstiftung (vgl. dazu Der BAYERNSPIEGEL 2012 Heft 01) in Anwesenheit einer Abordnung bayerischer Traditionsvereine und Bürgermeistern sowie von Kommunalpolitiker des Weißenburger Lands und Bürgermeistern der Südlichen Weinstraße mit ihrer Landrätin. (Foto Rolf Kaiser)

Im Ortszentrum von Woerth das Bayerndenkmal von 1889; gut gepflegt und nicht vergessen; eine ideale Ergänzung des örtlichen Museums mit seinen wertvollen Exponaten. Allein schon mit der Wahl der Künstler, welche an der Herstellung des Werks beteiligt waren, hat das Königreich Bayern gezeigt, daß ihm das Denkmal ein besonderes Anliegen war. Der Entwurf für das Gesamtkunstwerk stammt von Wilhelm von Rümann; die Bronzearbeiten aus der von Millerschen Erzgießerei zu München. Das Denkmal wurde am 6. August 1889, dem Jahrestag der Schlacht eingeweiht (Foto Michael Stumpf)

Die Gefangennahme von Kaiser Napoleon III. am 2. September 1870 bei Sedan war eine vorweggenommene Entscheidung über den Ausgang des Kriegs. (Foto Michael Stumpf)

In Bazeilles, ein Haus mit Geschichte, verteidigt bis zur sprichwörtlich gewordenen letzten Patrone. Das Haus ist echt, einschließlich der Einschußlöcher, und das Logo der Marinetruppen berechtigt. Das im Museum zu sehende Gemälde von Alphonse de Neuville trägt mehr dem Verlangen der Volksseele als der Geschichte Rechnung. (Foto Rolf Kaiser)

Mehr liebevoll als heroisch ist diese Darstellung auf einem Votivbild in einer Wallfahrtskirche südlich von München: der schwerverwundete Soldat des 2. Jägerbataillons im Gefangenenlazarett zu Orleans. Der Priester am Bett zur Krankensalbung, assistiert von einem Turko, einem Angehörigen der kolonialen Hilfstruppen der Franzosen, und umgeben von mitfühlenden, ebenfalls verwundeten Kameraden. Im Vordergrund rechts, die Uniform des Soldaten. (Foto Michael Stumpf)

Fast so gut wie dabeigewesen zu sein und noch dazu völlig ungefährlich, das ermöglichten die Panoramagemälde. Und sie erlaubten auch noch die eine und die andere Korrektur am geschichtlichen Verlauf. Hier ein Plakat für das Rundgemälde zur Belagerung von Paris, seinerzeit zu sehen in München. (Bild Stadtarchiv München)

 

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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