Brauchtum

Die Stechpalme und die Trachtler aus Westerham

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Sie wurde zum Baum des Jahres 2021 ernannt – die Stechpalme mit dem Fachnamen Ilix aquifolium. Dies gab kürzlich die „Baum des Jahres Stiftung“ bekannt. Der Präsident der Stiftung, Stefan Meier,  spricht von einem Paradebeispiel für gelebten Artenschutz. Die Bestände der immergrünen Laubbaumart hätten sich in Deutschland deutlich erholt. Optisch punktet sie mit ihren satt grünen, stacheligen Blättern und den leuchtend roten Beeren. Während früher ganze Wagenladungen aus den Wäldern geholt wurden, ist inzwischen die Entnahme aus der Natur nicht mehr erlaubt. Seit etwa 100 Jahren steht die Stechpalme unter besonderem Schutz. In Parks und Gärten ist sie ein beliebtes Ziergehölz. So manchem Hobbygärtner ist dieser Baum auch als Walddistel oder Christusdorn ein Begriff. Und obwohl sie so exotisch aussieht: sie ist schon immer eine in Europa beheimatete Baumart, die dem Klimawandel standhält. Und so findet sie auch in privaten Gärten ihre Liebhaber. Ob paarweise um den Weg zur Haustüre zu bahnen oder auch als Solitärpflanze bis hin zu mehreren Pflanzen, um Sichtschutz zu erreichen ist sie vielseitig einsetzbar. Die Stechpalme stellt weder an ihren Standort große Ansprüche noch benötigt sie viel Pflege.  Stechpalmen können sowohl an schattigen als auch an halbschattigen bis vollsonnigen Standorten gedeihen. Wichtig ist, dass der Boden nie vollständig austrocknet, auch Staunässe sollte vermieden werden. Die roten Beeren schauen so verlockend aus, vor allem für Kinder. Doch Vorsicht ist geboten, denn sie sind giftig.

Im oberbayerischen Mangfalltal jedoch kommt der Stechpalme noch eine wesentlich höhere Bedeutung zu.  „Waxlawa“ wird sie dort genannt. Wax – damit wird die stachelige Beschaffenheit des Blattes beschrieben. Und „Lawa“, das bayerische Wort für Laub. Also kurz und bündig alle anschaulichen Eigenschaften auf den Punkt gebracht. Die Stechpalme ist beim dort ansässigen Trachtenverein ein Muss für jedes aktive männliche Vereinsmitglied. Sie alle schmücken ihren Stopselhut an den Festtagen mit dem Waxlawa und zusätzlich mit roten Moosröschen und der weißen Feder des Legkorngockels.  Die Zweige der Stechpalme sind dabei Ausdruck für die Schmerzen der Kerkerhaft von Thomas Bacher, dem damaligen Gauvorstand des Gauverbandes I, dem Trachtenverband, dem die „Mangfalltaler“ Westerham angeschlossen sind. Die roten Moosröschen symbolisieren noch heute das unnütze Blutvergießen aus alten Zeiten. Das Tragen dieses einzigartigen Hutes als Festtagshut in Verbindung mit dem natürlichen Hutschmuck wurde schon 1907 festgeschrieben. Nur noch wenige Hutmacher beherrschen die Anfertigung dieses dunkelgrünen Hutes, der so nur in Westerham getragen wird.  Und sie tragen noch heute mit Stolz: ihren einzigartigen Stopselhut geschmückt mit Zweigen des „Baum des Jahres 2021“.

Bericht: Inge Erb, Gaupressewartin Gauverband I – Bilder von Georg Berndl und Inge Erb

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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