Corona-Krise

Corona-Tagebuch von Karl Stankiewitz: Das Leiden der Anderen

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Wer leidet denn nun – abgesehen von den Virus-Kranken – am meisten an der schon so lange andauernden Pandemie? Sind es die Gastgeber oder die freischaffenden Künstler in ihren wirtschaftlichen Nöten? Oder die Politiker, die tagtäglich neue, unpopuläre Entscheidungen abwägen und treffen müssen? Oder die hart geforderten Frauen und Männer im Dienst um unsere Gesundheit? Ich würde bei der Frage nach den besonders Belasteten eher auf jene Menschen tippen, die keine laute Lobby haben und daher weniger Aufmerksamkeit genießen: die ganz die ganz Alten. Eben lese ich in der Abendzeitung auf Seite 1: „Es trifft vor allem Ältere in Städten. Forscher warnen, Seelsorger schlagen Alarm.“

Beim Versuch, diese Feststellung und meine Vermutung bei befreundeten Altersgenossen zu verifizieren, erlebe ich jedoch eine Überraschung. Hans Nechleba, 84 Jahre alt, ehemals Reisejournalist, hatte anfangs verständliche Klagen über seine virus-bedingte Internierung in Obermenzing. Doch inzwischen hat er sich daran gewöhnt, nachdem er in seinem Heim wieder Angehörige sehen darf. Allerdings nur hinter Plexiglas, nach Anmeldung und zeitlich begrenzt. Andererseits: „Die Pflegerinnen sind sehr freundlich geworden und erfüllen mir manchen Wunsch, besorgen mir beispielsweise Bücher. Ich schau mir halt jetzt die Welt in Büchern an.“ Mit einer Ärztin aus Kairo unterhält er sich auf Arabisch, das er ständig aufbessert. „Du ahnst gar nicht, wie viel Freude einem so was bringt.“

Einen anderen alten Bekannten, der seine Agentur „Cinepress“ mal in meinem Haus hatte,. erreiche ich in einem Seniorenheim in Erding. Ich gratuliere ihm telefonisch: zum 100. Geburtstag. Eingeladen dazu hatte er, Dr. Peter Kühn, den Bürgermeister und andere Ortsprominenz mit der Verlockung: „Time to drink champagne and dance on the table“. Gefeiert, wenn auch nicht auf dem Tisch getanzt, wurde nahebei in der Therme, die als “größtes Thermalbad der Welt” wirbt und wieder geöffnet ist, natürlich mit Online-Anmeldung und den üblichen Corona-Geboten. Von der Planung an hatte Peter diesen Wellness-Supertempel promotet. Der kleine Urberliner war eine Größe in der PR-Branche.Sein Gedächtnis ist erstaunlich: „Weeste noch, wie ick euch die Münchner U-Bahn vakooft hab…und die Brigitte Bardot?“ Bis vor einigen Tagen konnte er noch mit einem Stock spazieren, zum Jubeltag bekam er einen Rollator. Und zu seiner besonderen Freude einen Glückwunschbrief vom Bundespräsidenten.

Ick möcht nur wissen, welche Dösköppe uns det injebrockt ham,“ berlinert Peter. Ansonsten bekümmert Corona samt Reglements den Hundertjährigen nicht allzu sehr, wohl aber das Leiden der anderen Alten. Für sie drohe die Pandemie zur „Epidemie der Einsamkei“ zu werden, meint der Zukunftsforscher Horst Opaschowsky, der selbst schon 80 Jahre auf dem Buckel hat. Tatsächlich meldet die „Bundespsychotherapiekammer“ (was für ein angsteinflößendes Wortungeheuer!) bei vereinsamten alten Menschen deutlich zunehmende Befunde von Depression, Angststörungen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit…

Ob die Corona-Krise auch die ganz Jungen so kalt lässt wie anscheinend meine beiden alten Weggenossen, das möchte ich nächstens bei einem – falls möglichen – Kita-Besuch herausbekommen.

Foto: stock.adobe.com/De Visu

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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