Corona-Krise

Corona-Tagebuch: Im Norden nichts Neues

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Aus dem Corona-Tagebuch von Karl Stankiewitz – Ein Land sperrt wieder auf. Gegenoffensive an der Corona-Front. Schleswig-Holstein startet Tourismus neu. So oder ähnlich klangen Schlagzeilen, die mich in den Norden der Republik lockten. Offenbar wollte MP Daniel Günther seinem Amts- und Unionsbruder Markus Söder jetzt mal zuvorkommen mit einem einsamen Beschluss; mehrmals sprach er von „Vorreiterrolle“. Erstmals liftete ein Bundesland den strengen Lockdown, öffnete Hotels und Gaststätten für den Tourismus. Ein gewagtes Experiment, – trotz der niedrigsten Inzidenzwerte in Deutschland. Ob und wie das nun funktioniert, wollte ich eine Woche lang zwischen Hamburg und Flensburg testen.

Das große Seebad Eckernförde mit seinen knapp 3000 Unterkünften war zusammen mit der Schleiregion seit dem 19. April eine von vier Modellregionen. Was hieß das? In der City, auf der Strandpromenade und in den Shops mussten weiterhin Schutzmasken getragen und Abstände gewahrt werden. Im Hotel wurde weiterhin ein Negativtest verlangt, alle 48 Stunden neu. Restaurants waren, wie schon 2020, nur einer begrenzten Zahl von Gästen zugänglich, Kontaktformulare waren auszufüllen. Die meisten Küchen blieben kalt. Frei zugänglich war – Jubel – die Außengastronomie; bei anhaltendem „Schietwetter“ blieben die Plätze jedoch ebenso leer wie Kinos, Konzertsäle, Meerwasserbad, Strandkörbe. Geschäfte durften nur mit Schnelltestnachweis betreten werden. Kurz: im Norden nichts Neues. Oder: Kein Durchbruch ohne Disziplin. Oder: Eine Flucht an die Förde hätte es eigentlich nicht gebraucht.

Stefan Borgmann, Geschäftsführer der Eckernförde Touristik & Marketing GmbH, ist trotzdem zufrieden mit dem Pilotprojekt. In den vergangenen vier Wochen wurden mehr Gäste gebucht als im gleichen Zeitraum vor dem Ausbruch der Seuche. Die zur Verfügung stehenden Betten waren zu 70 bis 89 Prozent ausgelastet. Erfolg verspricht sich Borgmann allein schon von der anhaltenden Werbewirkung. Das Land an Förde und Schlei hat sich durch diese Aktion bis weit in den deutschen Süden bekannt gemacht. „Die Seeluft hier ist unbezahlbar,“ schwärmte eine aus Garmisch-Partenkirchen angereiste Frau, die vor dem Info-Container geduldig in der Schlange stand. Auch die wissenschaftliche Begleitung hat ein recht positives Ergebnis gebracht: die Inzidenzkurve ist vom ohnehin niedrigen Stand um die 70 auf unter 50 gefallen.

Am Montag lief das Projekt Modellregion aus. Schleswig-Holstein lockert jetzt landesweit die Regeln. So streng wie zum Beispiel in Bayern waren sie schon bisher nicht, wie uns bei unserer Kreuz- und-Quer-Bahnreise zwischen den Meeren auffiel. Erinnerungen in Mürvik, wo ich im Dezember 1944 als 16-jähriger Seekadett militärisch gedrillt wurde. Eine alte Dame erzählt uns beim Spazieren mit Hund und Rollator am Hafen neben der wuchtigen und immer noch wichtigen Schule der Bundesmarine, warum sie aus München hierher gezogen ist. Leider verkehren die Fähren nach Dänemark derzeit nicht; damals hatte man uns Kadetten je ein Geldstück gegeben, für das wir drüben in Sonderburg lang vermisste Schlagsahne bekamen.

In Husum, Theodor Storms „Graue Stadt am Meer“, hockten die Menschen fröhlich trinkend, masken- und abstandslos am Kai. Ähnlich „frei“ war die benachbarte, ungemein reizvolle Holländergründung Friedrichstadt. Mir fällt ein Refrain von Erich Kästner ein, bezogen auf ein Münchner Kabarett: „Die große Freiheit ist es nicht geworden, die kleine – vielleicht.“

Apropos: Die Große Freiheit, die durch einen Käutner-Film bekannte Amüsiermeile in St. Pauli, ist vorerst ebenso trist wie etwa die schöne neue Speicherstadt und überhaupt die ganze Weltstadt Hamburg. Im überdimensionalen InterCity Hotel sind wir beiden, mit Arbeitsnachweis ausgestattet, die einzigen Gäste. Zum Billigpreis erwartet uns natürlich null Service. Tourismus findet hierorts wohl noch eine Weile nicht statt. Unten indes traben mehr oder weniger maskierte Jogger durch den im Regen prächtig blühenden Park Planten un Blomen. Alles sehr eogemartog. Aber was ist schon nicht eigenartig in diesem Krieg gegen einen unsichtbaren Feind?

Text und Fotos: Karl Stankiewitz

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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