Brauchtum

Chiemgauer und Sachranger Gaufest-Erinnerungen

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Wie schon im Vorjahr in Schleching so auch heuer in Reit im Winkl: das Gaufest der Chiemgauer Trachtler fällt wegen Corona aus  – wie es vor vielen Jahren war, das weiß Simon Bauer, Ehrenvorstand des Sachranger Trachtenvereins zu erzählen:

Von 1960 bis 1976 war Simon Bauer Erster Vorstand beim Trachtenverein „D´Geigelstoana“ in Sachrang im Chiemgau. Vorher schon und bis ins heutige hohe Alter von 92 Jahren ist er dem Verein und der Trachtensache verbunden und treu geblieben. Gerne wäre Simon Bauer auch in diesem Jahr wieder mit seiner Tracht bei schönen Festen unterwegs, aber wie schon im Vorjahr ist auch in diesem Trachtensommer das Gaufest des Chiemgau-Alpenverbandes bereits abgesagt und für viele örtliche Veranstaltungen schaut es auch nicht gut aus.

Gerade die Gautrachtenfeste sind ein Höhepunkt im Leben eines Chiemgauer Trachtlers, so auch für die Mitglieder vom 1908 gegründeten Trachtenverein Sachrang. 1935 trat der Verein dem Chiemgau-Alpenverband bei und hat seither in den Jahren 1957, 1974, 1988 und 2008 viermal das Gaufest ausgerichtet und zudem im Jahr 1950 die Weihe der ersten Vereinsfahne in einer gesonderten Festwoche gefeiert. Simon Bauer war an allen Festen, zu denen tausende von Trachtlerinnen, Trachtler und Gäste aus den Reihen der 23 Gauvereine und darüber hinaus gekommen sind, dabei und umfassend engagiert. Gut und gerne erinnert er sich an die Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg: „Bereits 1945 begannen die Proben mit der Sachranger Almtanz-Musi im Gasthof Zur Post. Anfangs galt noch eine frühe Sperrstunde der amerikanischen Besatzungsmächte. Als wir einmal noch nach 23 Uhr beisammen waren, musizierten und tanzten, da kam die Militärpolizei und brachte uns für eine Nacht ins Lager nach Bad Aibling. Anderntags wurden wir mit einem LKW wieder zurückgebracht, bei der Heimfahrt spielten für unsere Gruppe mit rund 20 Leuten auf dem LKW unsere Vereinsmusikanten auf, es herrschte eine sonderbar fröhliche Stimmung“.

Fahnenbegleiter und Fahnenstangenbruch bei der Fahnenweihe 1950

Als sich der Sachranger Trachtenverein auf den 29. Mai 1950 für das Fest für eine  erste  Vereinsfahne unter anderem mit 3.000   hand-gebastelten Festzeichen vorbereitete, wurde diese von Pfarrer Johann Baptist Simon aus Sachrang geweiht. Fähnrich war Hans Vordermayer und Simon Bauer war zusammen mit Hans Pertl als Fahnenbegleiter dabei, als die Fahne zum Altar an der Ölbergkapelle getragen wurde. Patenverein war dabei der Trachtenverein „D´Griabinga“ Hohenaschau. Von einem besonderen Vorfall erzählt Simon Bauer wie folgt: „Nach der Weihe war ein großer Festzug. Als dabei unser Fähnrich freudig und kräftig die Fahne schwenkte, brach während des Festzuges die Fahnenstange ab. Der Hersteller ersetzte uns später dann die kaputte Stange durch eine neue“.  Im übrigen  – so Simon Bauer weiter – trugen die Sachranger Mannerleute 1950 noch eine graue Joppe und einen Gamsbart am Hut. Wegen der hohen Kosten wurde später durch einen Vorstands- und Versammlungsbeschluss auf einen forstgrünen Anzug und auf eine Feder auf dem Hut umgesattelt.

Gaufest 1974 bei schwerem Regenwetter

In seine Vorstands-Amtszeit fiel 1974 das Gaufest des Chiemgau-Alpenverbandes, daran gibt es gemischte Erinnerungen wie Simon Bauer erzählt: „Bei einer vorangegangenen Gauversammlung in Bernau wurden wir kurzfristig gezwungen, unser Gaufest wegen Termin-Überschneidungen beim Patenverein Hohenaschau um eine Woche vorzuverlegen. Dann hatten wir bei unserem neuen Termin ein so miserables Wetter, dass wir den Gottesdienst mit Pfarrer Franz Chlodek im Festzelt abhielten und dass wir hernach die Vereinsvertreter, die schon da waren, baten, ihre Leute, die noch zum nachmittäglichen Festzug kommen wollten, telefonisch abzusagen. Zusammen mit Festleiter Eckard Lang konnte ich mich aber dennoch für einen kleinen Festzug einsetzen, der allerdings nur kurz war wegen zum Teil strömenden Regens“.

Mit dabei war Simon Bauer auch beim nächsten Gaufest 1988 in Verbindung der Weihe einer neuen und zweiten Fahne durch Pfarrer Gottfried Leibl, bei diesem Ereignis hatten die Sachranger Trachtler wieder mehr Wetterglück, ebenso bei ihrem 100. Geburtstag, der 2008 groß und mit ebenfalls einem Gaufest des Chiemgau-Alpenverbandes gefeiert wurde. In guter Erinnerung sind Simon Bauer auch Ausflugs- und Auftrittsreisen. „Da ging es einmal mit unserem damaligen Vorplattler Hans Pumpfer aufgrund einer Einladung von Sommergästen nach Berlin, bei einem der Holzhacker-Auftritte hatten wir Glück, als ein Plattler einen  Schuh von einem Aktiven erwischte, aber nichts Weiteres passierte!“.  An diese Feste und Fahrten denkt der nunmehrige Ehrenvorstand vom GTEV D´Geigelstoana wenn er die aktuellen Corona-Einschränkungen betrachtet. Wichtig wie vor, zu und nach Corona hält er den Zusammenhalt der Vereinsmitglieder wenn er sagt: „Die Sachranger haben es als Grenzdorf nicht immer leicht gehabt in einer bis 1978 selbstständigen Gemeinde entlang des schmalen Prientals. Durch die Aufgaben des Vereins, im übrigen nach dem Krieg mit einer eigenen Theatergruppe, die auch auswärts in Hohenaschau-Högermühle oder in Achenmühle gastierte, hatten wir immer wieder guten Grund zum Zusammenkommen und zum Zusammenhalten“. Die aktuelle Situation hält der Ehrenvorsitzende besonders für die Kinder, Jugendlichen und Aktiven für schlecht, dazu meint er: „Das Nicht-Zusammenkommen ist für die Jungen schwierig, gerade wenn sie in einem Alter sind, in dem sie zwischen den verschiedenen Altersgruppen wechseln und neue Kontakt knüpfen könnten“. Die geselligen Stunden im Kreise der Trachtenvereinsmitglieder fehlen derzeit in allen Generationen, Simon Bauer   muss seit geraumer Zeit auch auf die ansonsten für ihn regelmäßigen Treffen mit seinen Schafkopf- und Kegelbrüdern verzichten  – und so hofft er, dass sich auch auf diesem Gebiet bald wieder was ändert.

Gaufeste 1988 und 2008 mit Sohn Christoph als Vorstand der „Geigelstoana“

Es ist nicht selten, dass ein Amt des Trachtenvorstands in einem Verein vom Vater auf den Sohn übergeht, aber eher rar ist, dass Vater und Sohn gleich dreimal als Vorstände Verantwortung bei einem Chiemgauer Gautrachtenfest trugen. So war es beim GTEV Sachrang, denn Simon Bauer, der 1974 Fest-Vorstand war übergab sein Amt an seinen Sohn Christoph. In dessen Amtszeit von 1981 bis 2008 fielen gleich zwei Gaufeste 1988 sowie zum 100jährigen Vereinsbestehen 2008. Christoph Bauer, der auch einige Jahre Zweiter Gauvorstand beim Gauverband war, blickt ebenfalls dankbar zurück und etwas sorgenvoll in die Gegenwart. „Aber lassen wir uns nicht entmutigen, der Frohsinn und das Zusammenkommen kehren schon wieder zurück, denn die Heimatliebe und Brauchtumspflege sind stark in uns verankert“.

Repros: Hötzelsperger – Fahnenweihe 1950 von links: Hans Vordermayer (Siegl), Hans Pertl (Stockhammer), Fahnenbraut Anneliese Vordermayer (Pletzenauer), Fahnenmutter Irene Pertl (Linnerin) und Vorstand Simon Bauer.

  1. Porträt Simon Bauer ( ca. 2010)
  2. Sachranger Trachtler im Jahr 2008 (Foto Berger) – Simon Bauer stehend zweiter von links

Fotos: Hötzelsperger – 1. Ehrenvorstand Simon Bauer vom Trachtenverein „D´Geigelstoana“ Sachrang in seiner guten Stube  – 2. Gaufest-Erinnerungen 2008

Repros von Foto Berger: 1988 beim Gaufest: 1. Bieranstich   2. Die Bürgermeister Hans Pumpfer,, Kaspar Öttl und Karl Haberstock.

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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