Brauchtum

Chiemgauer Fahnen Teil 2 – Zubehör und Fahnenträger

Der erste Teil über die Chiemgauer Fahnen informierte über den Hintergrund und Geschichte von Fahnen im Allgemeinen und der Fahnenweihe im Speziellen. Im zweiten Teil geht es nun um die Fahne selbst, deren Bänder und Zubehör sowie deren Träger.

Fahne, Fahnenbänder und Zubehör

Bei den Trachtenvereinen ist der Wunsch nach einer eigenen Fahne stets eines der ersten Vereinsziele nach der Gründung. Im ausgehenden 19.Jahrhundert sah man Fahnen und Symbole, mehr noch als heute, als Sinnbilder für die Trachtenbewegung, als Sammel- und Orientierungspunkte für die jungen Vereine. In den Dörfern gab es in der Regel bereits mehrere Vereine, die über Fahnen verfügten: die Veteranenvereine wurden im Chiemgau nach 1815, bzw. nach dem Krieg von 1870/71 gegründet, die Freiwilligen Feuerwehren entstanden zwischen 1865 und 1880, auch viele Schützenvereine, Burschenvereine, Musik- und Gesangsvereine haben ihr Gründungsdatum im ausgehenden 19.Jahrhundert. Alle führten sie bei Feiern, Festen oder Prozessionen eine Fahne mit sich. Wollte man als junger, neu gegründeter Verein mit den vorhandenen Vereinen auf einer Ebene stehen, so musste der neue Verein seinen Mitgliedern auch ein vergleichbares Symbol für den Zusammenhalt stellen.

Die Form und Art der Fahnen waren vorgegeben, die frühen Trachtenfahnen wiesen durchweg dieselben Maße auf, wie die anderen Vereinsfahnen dieser Epoche. (Diese Maße sind identisch mit den Maßen der Fahnen der Infanteriefahnen des königlich bayerischen Heeres des 19.Jahrhunderts.)

Als Grundfarbe des Tuches wurde grün bevorzugt, erinnerte die grüne Farbe doch an die vorherrschenden Farben der Trachtenbekleidung und an die Farben der Wiesen und Wälder, kurz an die Heimat, deren Sitt und Tracht man erhalten wollte. Die beiden anderen möglichen Farben – Blau und Rot – waren im Dorf bereits durch die Veteranenvereine und die Feuerwehren in Beschlag genommen. Die Symbole auf den Fahnen wechselten von Ort zu Ort, auf der Schauseite der Fahne werden Motive aus der engeren Heimat, Baudenkmäler, markante Berge, Heiligendarstellungen oder berühmte Persönlichkeiten bevorzugt, die Rückseite zieren in der Regel Blumen oder Szenen aus dem Trachtenleben. Die Motive wurden zum Teil aufgedruckt, später dann gestickt. Heute verfügen die Vereine durchweg über handgestickte Fahnen, die in den wenigen Fahnenstickereien des Landes noch in langwieriger Handarbeit gefertigt werden.

Als weiteres Zubehör gehört zur Fahne die Spitze aus Messing, meist mit einem Edelweiß verziert, der Fahnenstock oder Fahnenstange aus Holz, heute zerlegbar und mit Messingbeschlägen versehen. Eine Lanze mit breiter Spitze war ursprünglich der Fahnenstock, die heutigen Spitzen erinnern zumindest in der Form noch an die Herkunft. Die Fahne wurde mit Messingnägeln angenagelt, in manchen Gegenden geht diese feierliche „Nagelung“ noch heute der eigentlichen Fahnenweihe voraus.

Standarten werden in der Frühzeit der Trachtenbewegung kaum erwähnt, die kleineren, meist quadratischen, starr am Fahnenstock befestigten Standarten waren in der Alten Armee vor Anno 1914 den berittenen Truppen zugeteilt und wurden darum für die Trachtler oder andere Vereine zu Fuß nicht gewählt. Erst in neuerer Zeit werden auch bei einigen Vereinen Fahnen in Standartenform geführt, der Chiemgau-Alpenverband hat seit 1984 seine Gaustandarte mit dem Bild der Seligen Irmengard von Frauenchiemsee.

Fahnenbänder sind bei den Trachtenvereinen von Anfang an belegt. Die Bänder von Fahnenmutter und Fahnenbraut, die Bänder der Trauermutter und der Festjungfrauen / Trachtendirndl, sowie das Band des Patenvereins gehören zur Grundausstattung einer jeden Fahne. Reich gestickt werden sie bei der Fahnenweihe an die Spitze der neuen Fahne geheftet und erinnern die Stifter und den Verein zeitlebens an den Ehrentag der Fahne. Zu besonderen Anlässen – Gründungsjubiläen oder der Übernahme weiterer Patenschaften – werden zusätzliche Fahnenbänder gestiftet; besonders aus der Frühzeit der Vereine um die Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg sind viele Bänder als Preise erhalten geblieben, Meist- und Weitpreise, die voller Stolz bei den folgenden Trachtenfesten mitgeführt wurden.

Fahnenträger – Fähnrich und Fahnenjunker

Die Fahne galt bei allen Völkern als ein Heiligtum, ein Kultobjekt, das – da (kirchlich) geweiht – an besonderer Stelle aufbewahrt werden musste. Die kirchliche Weihe hob sie aus allen anderen Gegenständen, über die der Verein verfügte hervor. Veteranenfahnen werden in einigen Orten noch heute in der Kirche oder in der Sakristei aufbewahrt. Die Trachtenfahnen haben heute fast alle eine Herberge in einer Gaststätte des Dorfes gefunden oder werden (neuerdings) in den Fahnenschränken der Trachtenheime verwahrt.

Der Fahnenträger (nebeneinander sind beide Bezeichnungen Fähnrich und Fahnenjunker gebräuchlich) wurde unter den jungen Männern besonders ausgewählt. Wenn die Fahne in der Öffentlichkeit ist, darf sie nicht aus der Hand ihres Trägers gegeben werden. Er hat die Fahne während des Gebrauchs zu beschützen. Das Amt des Fähnrichs war (und ist) ein Ehrenamt, das seinen Inhaber weit über die Gleichaltrigen heraushebt. Als Zeichen seines Amtes und seiner Würde trägt er noch heute die Schärpe und die silberdurchwirkte Hutschnur, die ihn deutlich aus der Menge der Trachtler herausheben.

Die Schärpe ist ein Relikt des früheren Wehrgehänges zum sicheren Tragen der blanken Seitenwaffen (Säbel, Degen), sie verläuft über die Schulter zur Hüfte, so dass der (heute nicht mehr vorhandene) Degen ohne Behinderung frei gezogen werden kann. In den modernen Ordensbändern hoher Stufen, die als Schärpe getragen werden, wirken die früheren Wehrgehänge ebenfalls noch nach. Fähnrich und rechter Fahnenbegleiter tragen die Schärpe von der linken Schulter zur rechten Hüfte (die Waffe rechts ist damit frei zugängig; der rechte Begleiter muss damit Linkshänder sein, um die Waffe ziehen und führen zu können!), der linke Fahnenbegleiter trägt die Schärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte. Meist sind die Schärpen zweifarbig, bei den Trachtenvereinen weiß-grün eingefärbt. (Veteranenvereine weiß-blau, Feuerwehren weiß-rot) Die Farbgebung ist zunächst bei den Veteranenvereinen – nach den bayerischen Farben – nachweisbar, die anderen Ortsvereine haben sich danach in den Grundfarben ihrer Fahnen angeschlossen. Bei mehreren Vereinen werden inzwischen auch aufwendig gestickte Schärpen getragen, die in ihrer Machart an Fahnenbänder erinnern und die Stellung des Fähnrichs und der Fahne besonders hervorheben.

Die Hutschnur ist, wie alle Verschnürungen und Bebänderungen an den Uniformen des 19.Jahrhunderts (Verschnürungen der Husarenuniform, Fangschnur der Adjutanten, Stabsoffiziere) ein Relikt der Fourageleinen der leichten berittenen Truppen. Mit diesen zunächst an der Schulter getragenen Leinen wurden bei den Streifzügen der leichten Kavallerie die Heu- und Strohbündel zusammengebunden und auf ledigen Packpferden ins Lager transportiert. Diese dekorativ aufgeschossenen und kunstvoll verflochtenen Leinen wurden im 19.Jahrhundert ein wichtiges dekoratives Element an den Uniformen.

Der silberne Ringkragen – Relikt des Kürass / Brustpanzers – als Zeichen des Fahnenträgers ist bei den Trachtenvereinen nicht belegbar, er kann nur bei alten Veteranenvereinen in der Region (Gründung vor 1870) belegt werden.

Der (schwarze oder braune lederne) Trageriemen für die Fahne, das Bandelier, auch (Fahnen)Stiefel oder Fahnenschuh genannt, wird als Tragehilfe gebraucht.

Früher gehörten noch weiße Handschuhe zur Ausstattung, bei fast allen Vereinen tauchen sie in der Rechnung der Fahnenstickereien für die Erstausstattung auf. Dabei sind für den Fähnrich schwere weiße Stulpenlederhandschuhe vorgesehen, die beiden Begleiter tragen leichte weiße Stoffhandschuhe. Der Fähnrich trägt bei seinem Ehrendienst stets Volltracht, das Ablegen der Trachtenjoppe ist für ihn und seine Begleiter auch bei heißer Witterung nur in Ausnahmefällen möglich.

Bericht und Fotos: Heinrich Rehberg

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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