Brauchtum

Buchneuerscheinung: “ausgesprochen bayerisch”

Vor Kurzem ist im Allitera Verlag ein Buch über die Lebensart, Handwerk und Bräuche in Oberbayern in den 50er Jahren erschienen.

Paul Ernst Rattelmüller hat in den 1950er-Jahren bäuerliches Leben, Sitten, Feste und religiöse Bräuche im Jahresverlauf in Oberbayern bildlich festgehalten. Es sind keine perfekt inszenierten Hochglanzfotografien für Tourismusbroschüren, sondern der liebevolle Blick auf die oberbayerische Heimat, weit entfernt von jedem kitschigen Klischee. Rattelmüller war von 1973 bis 1989 oberbayerischer Bezirksheimatpfleger und damit einer der Amtsvorgänger von Norbert Göttler. Dieser liefert die Texte, die den Fotografien gegenüberstehen. Es sind alte bairische Mundartbegriffe wie »Rossboinklaum«, »Britschhaferl«, »Heigeign« oder »Irxenschmoiz«, die Göttler aus dem reichen Schatz des bairischen Dialekts hebt und mit augenzwinkernden Erläuterungen versieht. Im Zusammenspiel mit den Texten Norbert Göttlers gehen die Fotografien von Paul Ernst Rattelmüller in diesem Band eine ungewöhnliche Symbiose ein und eröffnen gerade in der Gegenüberstellung überraschende und unbekannte Einblicke in Land und Leute.

Über die Hintergründe: Vielen Hörerinnen und Hörern des Bayerischen Rundfunks ist die markante Stimme von Paul Ernst Rattelmüller noch heute im Ohr. Seit 1954 arbeitete er dort als freier Mitarbeiter, verfasste und moderierte hunderte von Sendungen. Aber er war nicht nur ein Mann der Stimme und des (oft streitbaren) Wortes. Er war auch ein Mann der Grafik und der Kamera. Sein unverstellter und authentischer Blick auf Land und Leute ist bis heute beeindruckend. Jede Art von Seppelbayerntum war Paul Ernst Rattelmüller verhasst, mit seinem Verdikt der »weißblauen Prostitution« hat er sich verständlicherweise nicht nur Freunde gemacht. In den 1940er- und 1950er-Jahren fuhr Paul Ernst Rattelmüller im bayerischen Oberland von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, um Trachten, Bräuche, kirchliche und weltliche Feste, Handwerk, Landschaft und Architektur zu dokumentieren. Zuerst — Wind und Wetter trotzend — auf einem Fahrrad, dann auf einem Motorrad der Marke Steyr Puch und schließlich in einer Isetta, seine Leica-Kamera immer im Gepäck. Die dabei entstandenen Farbdiapositive sind heute kostbare Zeitdokumente, die uns einen historisch-wissenschaftlichen, aber auch einen unterhaltsamen Einblick in die Alltagswelt unserer Eltern und Großeltern geben. 2020 entstand im Allitera Verlag die Idee, diese Fotografien mit Erläuterungen Norbert Göttlers zu bairischen Dialektwörtern zu kombinieren. Der Bildband »ausgesprochen bayerisch« gewährt im humorvollen Zusammenspiel von Wort und Bild sowohl überraschende und neue Einblicke in die hintergründige Doppeldeutigkeit des bairischen Sprachschatzes als auch in die bäuerliche Lebensart der 1950er-Jahre. Wie ungewohnt ist dabei der Anblick von Dörfern ohne Satellitenschüsseln oder von nicht asphaltierten Straßen! Eine uns heute geradezu merkwürdig fremd anmutende Welt …

Die Bilder:

Die Qualität der im Bildband gezeigten Farbdiapositive von Rattelmüller hat — trotz sorgfältiger und sachgerechter Lagerung im Archiv der Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern — im Laufe der Jahrzehnte beträchtlich gelitten. So haben die Fotografien ihre originale Farbe verloren beziehungsweise weisen Flecken, Kratzer und andere Störungen auf. Für mehrere Publikationen wurde bereits in den 1980er-Jahren ein Teil des umfangreichen Fotomaterials im Auftrag des Bezirks Oberbayern restauriert sowie schließlich die gesamte Sammlung (über 8000 Fotografien) auch digitalisiert. Der Allitera Verlag hat für sein Buchprojekt darüber hinaus weitere wertvolle Zeitdokumente aus der Sammlung Rattelmüller von Staub und Kratzern befreit und behutsam Lichtwerte und Kontraste optimiert, mit dem Ziel, durch diese Retuschen dennoch nicht den »Charme«, das Zeitkolorit der Fotografien, zu zerstören.

Buch-Informationen kompakt:

  • Titel: ausgesprochen bayerisch – Lebensart und Bräuche in Oberbayern in den Fünfzigerjahren
  • Preis: 29,90 Euro
  • Aufmachung: 148 Seiten, Hardcover
  • Verlag: Allitera Verlag
  • ISBN: 978-3-96233-226-6

Weitere Informationen gibt es unter www.allitera.de.

Bericht: Allitera-Verlag

Fotos: Paul Ernst Rattelmüller

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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