Land- & Forstwirtschaft

Bei Versammlung in Schleching erhitzt der Wolf die Gemüter

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Ein Beitrag vom Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern – Mit dem blutrünstigen Auftreten des Wolfes in Reit im Winkl und Umgebung hatte die außertourliche Einberufung zur gemeinsamen Versammlung der Bezirksalmbauernschaften Schleching und Grassau Ende Juli wahrlich keinen erfreulichen Anlass. Unter Einhaltung strenger Coronaauflagen durften im Saal des Gasthauses Zur Post nur 100 geladene Personen teilnehmen, sprich bei weitem nicht alle betroffenen Landwirte. Deshalb betonten Georg Hacher, Bezirksalmbauer Grassau, und Maria König, Bezirksalmbäuerin Schleching, bei der Einführung, dass die Anwesenden ihre gewonnenen Erkenntnisse an die Berufskollegen und Nachbarn weitergeben sollten.

LfU glänzt durch Abwesenheit

Als wichtigster fachlicher Ansprechpartner fungiert bayernweit das Netzwerk Große Beutegreifer des Landesamtes für Umwelt (LfU). Deren Vertreter haben jedoch kurzfristig ihre Teilnahme abgesagt, was seitens Organisatoren und Zuhörerschaft mit absolutem Unverständnis zur Kenntnis genommen wurde. Den Alm- und Bergbauern in solch einer Ausnahmesituation nicht Rede und Antwort zu stehen, trägt ,milde ausgedrückt, nicht gerade zu einem besseren, vertrauensbildenden Miteinander bei; es erweckt vielmehr den Eindruck, dass weder die Sorgen und Nöte, noch die Landwirte selbst ernst genommen werden.” AVO-Vorsitzender Josef Glatz sprach dann auch bei seiner Begrüßung von mangelndem Respekt, lobte aber die zahlreich erschienenen Bürgermeister und besonders den juristischen Vertreter des Landratsamtes Christian Nebl, der sich dankenswerterweise kurzfristig dazu bereit erkärt hatte, den juristischen Part des LfU zu übernehmen. Glatz beleuchtete die aktuellen Tätigkeiten des AVO in Sachen Wolf: Einzelgespräche mit Umweltminister Thorsten Glauber, Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Regierungspräsidentin Maria Els wurden innerhalb des letzten Monats geführt- stets mit dem Schwerpunktthema Wolf. „Jetzt ist es aber endlich Zeit, mal Nägel mit Köpfen zu machen“, so Glatz, „denn irgendwann ist genug geredet!“ Die Forderungen des Vereins in Sachen Wolf und Große Beutegreifer bestehen seit dem Jahr 2006 und sind heute so aktuell wie damals. Seither durchgeführte Reisen ins benachbarte Ausland mit Wolfspräsenz, brachten keinen weiteren Erkenntnisgewinn. Befragt man die Bauern, so herrscht einhellige Meinung, dass der Wolf Probleme mit sich bringt, fragt man Behördenvertreter, so hört man das Gegenteil. Größtes Manko der heutigen Zeit, so Glatz, Fachwissen wird nicht mehr akzeptiert, wenn es dem Wählerwillen nicht gefällt.

Herdenschutzprogramm 100%

Almfachberater Alfons Osenstätter stellte das neue Herdenschutzprogramm vor, das es Landwirten einer ausgewiesenen Gebietskulisse ermöglicht, sich bestimmte Herdenschutzmaßnahmen (Grundschutz) zu 100% der Bruttokosten fördern zu lassen. Siehe auch Seite XX. Auf Grund der häufigen Wolfssichtungen in ganz Bayern- allein im Juli erfolgten xx Meldungen seitens des LfU- erweitert sich diese Kulisse nahezu täglich. Die betroffenen Gemeinden sind auf der Internetseite des LfU www.lfu.bayern.de unter dem Begriff Förderkulisse Zäune tabellarisch aufgelistet zu finden. Selbst das LfU ist derzeit nicht mehr in der Lage, die Kartenübersicht den aktuellen Geschehnissen anzupassen. Auch wenn der Fördersatz für Herdenschutzmaßnahmen mit 100% sensationell hoch ist, birgt das Programm Fallstricke, die es im Vorfeld zu beachten gilt. Sei es die Zweckbindungsfrist, die sicherstellt, dass der Zaun für diese Dauer in der geförderten Form erhalten bleiben muss, auch wenn der Wolf (hoffentlich) schon lange wieder über alle Berge oder gar behördlich entnommen ist, oder ganz einfach die Beibringung von drei Angeboten zur Antragstellung. Auch liegt aktuell noch keine offiziell anerkannte Flächeneinteilung vor, die Feldstücke als schützbar oder nicht schützbar ausweist und somit mit zumutbarem Aufwand zur Zäunung verpflichtet. Letztendlich muss hier ein jeder selbst wissen, wie und ob er seine Flächen und Tiere schützen möchte, aber klar ist: es gibt keinen wolfssicheren Zaun. Eine Beratung im Vorfeld seitens des zuständigen Sachbearbeiters am Landwirtschaftsamt wird dringend empfohlen.

LfU spielt auf Zeit

AVO-Geschäftsführer Hans Stöckl erläuterte im Anschluss den aktuellen Stand bei der Einstufung der Feldstücke in schützbare oder nicht schützbare Kategorien. Bereits vom Schreibtisch aus kann ein Großteil der Flächen durch Überlagerung unterschiedlicher Karten eingestuft werden. Hangneigung, Grabbarkeit, Lawinen oder Waldweideflächen zählen hierzu. Nicht kartographisch erkannt werden können Gewässer, Wanderwege oder Einsprungmöglichkeiten, diese müssen vom Landwirt selbst gemeldet und dann vor Ort begutachtet werden. Diese Vorgehensweise wurde mühsam aber letztendlich einvernehmlich zwischen der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) und dem Landesamt für Umwelt (LfU) im Jahr 2019 festgelegt, so dass die Projektierung der Pilotgebiete in GAP und Burgberg begonnen und Ende 2019 erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Siehe hierzu auch Almbauer 03/2020. Seither wartet man auf die Freigabe des Berichtes durch das LfU, um mit der bayernweit flächendeckenden Einstufung fortfahren zu können, die über i-balis ermöglicht werden soll. Diese Flächeneinstufung ist ein zwingend erforderliches Kriterium, wenn es bei dauerhafter Wolfspräsenz um eine Entschädigung der Risse geht, aber noch viel wichtiger, auch um eine erleichterte Entnahmeentscheidung nach Übergriffen. Laut dem Bayerischen Aktionsplan Wolf ist eine erleichterte Entnahme dann möglich, wenn in nicht schützbaren Gebieten Übergriffe erfolgt sind und zweifelsfrei ein Wolf der Verursacher ist. Übrigens, der Wolf in Reit im Winkl ist genetisch bestätigt, trägt jetzt den Namen GW1706m und stammt aus der dinarischen Population. Es ist angeblich das erste Mal, dass ein Tier aus dieser Region (Slowenien, Kroatien) in Deutschland aufgetauscht ist. Nachweislich hat GW1706m bisher grenzüberschreitend mit Österreich XX Nutztierrisse auf dem Gewissen- nur die Schutzeinstufung der Flächen steht immer noch aus. Mit diesem Wissen stellt sich erneut die Frage, warum das LfU seit mittlerweile sieben Monaten keine Aussagen hierzu trifft- ein Schelm, wer Böses hierbei denkt?

Almen nicht schützbar

Der AVO geht davon aus, dass alle Almflächen als nicht schützbar eingestuft werden. Es ist nicht möglich, mit zumutbarem Aufwand die gesamten Weideflächen einer Alm mit dem geforderten Grundschutz auszustatten. Um Almen auch weiterhin in vollem Umfang in der Bewirtschaftung zu erhalten, ein Zerschneiden von Wildlebensräumen oder die Aufgabe wertvoller Wald-Weide-Übergangsflächen zu verhindern, ist es aus unserer Sicht erforderlich, die Almbewirtschaftung  in der jetzigen Form beizubehalten. Dass der Verein mit dieser Meinung schon längst nicht mehr allein auf weiter Flur steht, bestätigen Rückmeldungen von Vertretern aus dem naturschutzfachlichen oder jagdlichen Bereich. Christian Nebel vom Landratsamt Traunstein musste letztlich den schwierigen Part übernehmen, die Causa Wolf rechtlich zu beleuchten. Der Wolf ist in Deutschland streng geschützt, daran lässt sich momentan nicht rütteln, dennoch sieht das Gesetz in begründeten Einzelfällen eine Entnahme des Wolfes vor, wenn alle erdenklich anderen Vorkehrungen zu keinem Erfolg geführt haben (ultima ratio). Bayern hat hier mit dem Aktionsplan Wolf einen großen Schritt getan, dennoch gibt es keinen Automatismus, dass die Kombination Wolf und Almwirtschaft zwingend eine Entnahme erfordert. Nicht schützbare Gebiete mit Übergriffen könnten aber nach Prüfung im Einzelfall sehr wohl dazu führen. Ob eine Entnahme geprüft wird, entscheidet die höhere Naturschutzbehörde. Von ihr wird eine Bewertungskommission eingerichtet, die paritätisch mit Vertretern vom Landesamt für Umwelt und der Landesanstalt für Landwirtschaft besetzt ist. Am Ende entscheidet die Umweltverwaltung über die Entnahme. Schwer vorstellbar, dass es bei dieser Konstellation tatsächlich einmal zu einem positiven Entnahmebescheid kommt, so der Konsens unter der Zuhörerschaft.

Hitzige Diskussion-politischer Frust

In der anschließenden Diskussion trat deutlich zu Tage, wie enttäuscht die Alm- und Bergbauern von der aktuellen Politik sind. Es herrscht vielmehr die Meinung, dass sowohl die Bundes- als auch die Landespolitik gegen die landwirtschaftliche Bevölkerung arbeiten. Trotz jahrelanger Vorarbeit fehlt letztendlich der Mut zur Entscheidung und das in einem Land mit der EU-weit höchsten Wolfsdichte. Bürgermeister Sepp Loferer forderte die Politik auf, endlich für die Almbauern Stellung zu beziehen und nicht gegen sie. Er befürchtet einen Rückgang der viehhaltenden Betriebe sowie das Auflassen von Almen, denn eine Rudelbildung ist für ihn absehbar. Und wer hilft dann denen, die übrig bleiben bei der Nachsuche, der Nottötung der eigenen Tiere und der hohen psychischen Belastung. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, bekräftigte der ehemalige Bezirksalmbauer Hannes Hörterer. Seine Rinder seien heuer mehrfach ausgebrochen, extrem scheu und ängstlich geworden und der Arbeitsaufwand zur Beruhigung und dem Wiedereinfangen sei enorm gewesen. Aber ohne Riss und Sichtung fehlt ein Nachweis, dass der Wolf Verursacher gewesen sein könnte, sprich es gibt außer kluger Worte keine Unterstützung. Auch dass die Auswertung der vom LfU platzierten Wildkameras-angeblich 40 an der Zahl- erst im standardüblichen Turnus , hier im August, erfolgen soll, während der Wolf seit Juni munter in der Region eine Blutspur nach sich zieht, wurde mit Unverständinis quittiert.  Rissbegutachter Martin Stief gab zu Bedenken, dass die Sympathie der Bevölkerung eindeutig auf Seiten des Wolfes liege; ohne Verbündete könne hier ein Verein in der Größenordnung des AVO wenig erreichen.

Einigkeit herrschte darüber, dass bei realistischer Berichterstattung in der Presse durchaus ein Denkumschwung zu erzielen wäre. Kritische Berichte, eine Abwägung der fachlichen Argumente und Bilder von Rissen statt Wolfswelpen am Frühstückstisch der städtischen Leserschaft würden die Zustimmung zum Wolf rapide sinken lassen- wenn es denn ernsthaft gewollt wäre. Als Fazit dieser informativen, teils hitzigen, aber stets anständigen Beiträge konnten Bezirksalmbauer Hacher und Vorsitzender Glatz festhalten, dass das Thema Wolf extrem komplex ist und sehr uneinheitlich in der Bevölkerung wahr genommen wird. Der AVO muss in Zusammenarbeit mit Abgeordneten, Bürgermeistern und Landräten deutlich mehr Druck aufbauen, um schnellere Entscheidungen herbeizuführen. Die Landwirte indessen müssen mit den angebotenen Programmen versuchen, das Beste aus der unbefriedigenden Situation zu machen. Jeder einzelne, der mit der Tierhaltung aufhört, wäre ein großer Verlust- auch wenn es angesichts der tragischen und grausigen Ereignisse zu verstehen wäre.

Bericht und Bilder: AVO /  Susanne Krapfl

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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