Land- & Forstwirtschaft

Bauernverband diskutiert mit Bundestagskandidaten

Der Kreisverband Traunstein des Bayerischen Bauernverbandes lud die Direktkandidaten aller Parteien im Wahlkreis für die Bundestagswahl ein zum Austausch auf der Röthelmoos Alm. Auch der Dauerregen am Montag hielt die Politiker und Vertreter des Bauernverbandes nicht vom Treffen ab. Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer meinte bei der Begrüßung: „Das Wetter passt zur aktuellen Stimmung in der Landwirtschaft.“ Von den Bundestagskandidaten wollte er wissen, wie sie zu den landwirtschaftlichen Themen stehen und was von ihnen bei einer möglichen Wahl zu erwarten wäre.

Thema Wolf: Keine Zäune auf den Almgebieten

Das erste und wichtigste Thema des Tages war die zunehmende Gefahr für Weidetiere durch Wölfe. Der Kreisobmann zeigte am Weg zu den Röthelmoos Almen zwei Beispiele von Zäunen, die eventuell künftig gegen Wölfe in den Almgebieten errichtet werden könnten. Zum einen gäbe es einen elektrifizierten Maschendrahtzaun, der 20 Zentimeter tief im Boden eingegraben werden muss, und alternativ einen stromführenden Festzaun mit fünf Litzen, von denen die unterste maximal 20 Zentimeter vom Boden weg sein darf. „Sollen so unsere Almen in Zukunft aussehen?“, stellte Siglreithmayer die provokante Frage. Das Aufstellen solcher Zäune als Schutz gegen Wölfe sei sehr aufwändig, besonders im schwierigen, unebenen Gelände der Almen. Für Siglreithmayer müsse es eine klare Entscheidung geben „entweder für die Almwirtschaft oder für den Wolf“. Besonders in der stark touristisch genutzten Region im Chiemgau sei die Almwirtschaft deutlich vorzuziehen. Eine Möglichkeit, gegen Wölfe vorzugehen, sieht er in einer Änderung des Jagdgesetzes. So sollten Jäger im Falle eines Wolfes, der andere Tiere gerissen hat, schnell handeln können. Zuerst eine langwierige DNA-Analyse durchführen zu lassen, ob es auch sicher ein Wolf war, sei hier fehl am Platz und nicht verhältnismäßig. Die Zäune, um Weidevieh vor Wölfen zu schützen, seien mit mehr als 300000 Euro allein in der heimischen Region sehr teuer, „aber weil sich eine Handvoll Leute einbildet, wir brauchen den Wolf hier bei uns, spielt das Geld keine Rolle“.

Die sieben anwesenden Direktkandidaten waren sich einig, dass die Almgebiete nicht durch solche Zäune verschandelt werden sollten und es ein vernünftiges „Wolf-Management“ brauche. Andrea Wittmann aus Truchtlaching, die für die Freien Wähler kandidiert, ist ganz klar gegen Zäune jeder Art und meinte: „Es geht nicht um die Ausrottung, aber wir brauchen Jagdrecht, wenn ein Wolf auffällig wird.“ Der Schutzstatus des Wolfes solle herabgestuft werden, denn „es geht auch um den Schutz der Weidetierhaltung“. Und in Bezug auf die hohen Kosten für die aufwändigen Zäune sähe sie viel bessere Verwendungsmöglichkeiten des Geldes, wenn man bedenke, „jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut betroffen“.

Martin Hartmann (Partei die Basis) aus Obing betonte: „Wir freuen uns über jede Tiergattung, die hier heimisch wird. Aber der Wolf bringt große Probleme mit sich.“ Da die Almbauern Teil der bayerischen Kultur sind, seien sie eher schützenswert. Bruno Siglreitmaier (ÖDP) aus Chieming ist grundsätzlich für Artenschutz. Aber im dicht besiedelten Voralpenland mit den zahlreichen bewirtschafteten Almen gehe es einfach nicht, „mir tut‘s da um jedes Stück Vieh leid, das gerissen wird“. Auch die Biologin Dr. Ute Künkele, Petting, meinte, „jedes gerissene Schaf und jedes Kalb ist eins zu viel.“ Sie möchte aber auch mit dem Märchen aufräumen, dass Wölfe für Kinder gefährlich seien. Da gebe es ganz andere Gefahren und jährlich über 1000 Unfälle, bei denen Hunde Kinder beißen und schwer verletzen.

Patrick Weiß aus Waging versprach, dass seine Partei die FDP die Wölfe nicht ausrotten wolle, aber jeder Jäger sollte das Recht haben, sie zu schießen wie Rehwild auch. Weiß: „Zäune sind hier keine Lösung, sie schauen einfach sch…. aus.“ Dass man Problemwölfe einfacher und schneller entnehmen können muss, findet auch Wolfgang Ehrenlechner aus Teisendorf von den Grünen. Außerdem könne er sich nicht Kilometer lange Zäune vorstellen, die den Wert der Landschaft für den Tourismus zerstören würden. Für die AFD kandidiert Joachim Bernshausen aus Übersee, dem es um ein mögliches Nebeneinander geht. Bei aller Beachtung der Bedürfnisse der Almbauern glaubt er: „Der Wolf gehört dazu.“ Man müsse genau hinschauen, wo vielleicht ein Zaun sinnvoll ist, allerdings sollte ein solcher nicht flächendeckend angebracht werden. Ganz klar und eindeutig positioniert sich Dr. Peter Ramsauer aus Traunwalchen (CSU), der einzige der Kandidaten der bereits im Bundestag ist und das seit 31 Jahren. „In der Zivilisation Zentraleuropas hat der Wolf nichts verloren. Ich will ihn nicht reinlassen und bin für die totale Entnahme“, so seine klare Position.

Sebastian Siglreithmayer schwächte ab, dass der Bauernverband keineswegs die Ausrottung dieser Tiere verlange. Einzelwölfe seien nicht zu verhindern, aber Rudelbildung solle vermieden werden und die Jagd müsse erlaubt sein, denn „nur wenn sie bejagd werden, wissen sie, dass von den Menschen eine Gefahr ausgeht und meiden sie“.

Der Kreisobmann dankte den Kandidaten für den regen Austausch und bedauerte, dass die SPD nicht beteiligt war. Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler habe aus privaten Gründen erst kurz vor dem Treffen absagen müssen.

Unterstützung der Landwirte zugesagt

In der Diskussion mit den Direktkandidaten für den Bundestag sprach Sepp Freiwang, stellvertretender Kreisobmann im Kreisverband Traunstein des Bayerischen Bauernverbandes, weitere Themen der Landwirtschaft an. Kontrovers diskutiert wurde über Planungssicherheit in der Landwirtschaft, Wertschätzung, Regionalität, Preise, Ungleichheiten in der EU und anderes mehr. Die Direktkandidaten drückten dabei grundsätzlich ihre Unterstützung für die heimische Landwirtschaft aus.

Dr. Peter Ramsauer (CSU) verwies darauf, dass eingeführte Vorschriften und Normen in allen 27 EU-Ländern zunächst gleich gelten. In Deutschland werde dann aber oft noch was „draufgesattelt“ und noch mehr verlangt, womit beispielsweise die Bauern gegenüber anderen Ländern Nachteile haben. Er habe bei der Verhandlung von Koalitionsverträgen, an denen er mitwirkte, immer vehement dafür gekämpft, dass EU-Normen in Deutschland eins zu eins umgesetzt werden.

Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer betonte, dass für den Verbraucher die Tierhaltung offenbar beim Einkauf keine Rolle spiele, es gehe nur um den Preis. Nur so könne es sein, dass billiges Fleisch aus Spanien hier gekauft wird, obwohl dort auf die Einhaltung von bei uns selbstverständlichen Standards des Tierwohles gänzlich verzichtet wird. „Aber wir können denen die Einfuhr nicht verbieten.“ Martin Hartmann (Die Basis) ist der Meinung, dass man einen Weg finden müsse, wie regionale Produkte, obwohl sie vielleicht teurer sind, neben importierten Waren bestehen können. Außerdem müsse wieder mehr Bezug zu den Lebensmitteln her: „Man zahlt hunderte Euro für ein Handy, kauft dann aber ein Schnitzel für 79 Cent, das ist einfach an der Realität vorbei.“ Bruno Siglreitmaier (ÖDP) wünscht sich, „dass unsere Bauern uns Lebensmitteltechnisch erhalten können“. Lebensmittel über die Grenzen hin und her schieben sei albern und er fordert mehr Regionalität: „Irische Butter kann ich essen, wenn ich in Irland Urlaub mache, aber nicht hier bei uns.“ Wolfgang Ehrenlechner (Die Grünen) sieht eine gefährliche Verschiebung der Macht zum Lebensmitteleinzelhandel. Diese müsse beschränkt werden, da die Landwirte bei Preisverhandlungen mit den großen Handelsketten in einer sehr schlechten Position seien. Der Kreisobmann bestätigte dies: „Vier große Konzerne bestimmen, was in Deutschland gegessen wird und was es kostet.“ Bauern seien aber nicht nur für Lebensmittelerzeugung zuständig, meint Patrick Weiß (FDP). „Sie sind auch wichtig für unser Klima, für den Bestand der Wälder. Landwirte leisten Großartiges.“

Ernährung durch Landwirtschaft

. Maria Friedrich, Ortsbäuerin von Heiligkreuz, und Christine Schuhegger, stellvertretende Kreisbäuerin aus Waging, griffen beim Treffen mit den Direktkandidaten das Thema Ernährung auf und berichteten von der „Schule fürs Leben“. Dabei erhalten Schüler auf Bauernhöfen Einblick in die tägliche Arbeit und sehen, wie die wertvollen Lebensmittel hergestellt werden. Die bayerischen Landfrauen fordern schon lange eine verstärkte Vermittlung von Alltagskompetenzen im Schulunterreicht. Mehr Unterstützung dieses großartigen Projektes, auch in finanzieller Form, wünscht sich Maria Friedrich dabei vom Kultusministerium. Diesen Wunsch gab sie Andrea Wittmann (Freie Wähler) mit, damit diese Kultusminister Piazolo von ihrer Partei darauf ansprechen solle. Ein Problem mit der Herstellung von Nahrungsmitteln sprach die Ortsbäuerin ebenfalls an: „80 Prozent der Menschen sind für regionale Produkte, aber nur 20 Prozent wollen dafür mehr bezahlen.“ Außerdem gebe es besonders unter jungen Menschen immer mehr Vegetarier oder solche, die nur noch wenig Fleisch essen. „Was tun wir dann mit unserer grünen Wiese? Wir können nicht davon abbeißen, aber unsere Rinder können sie verwerten.“ Biologin Dr. Ute Künkele fügte hinzu: „Es gibt auch keine Milch mehr ohne Kälbchen.“ Es sei sehr wichtig, dass Kinder auf die Höfe könnten, um zu sehen, „wie es in Wirklichkeit ist“ und nicht nur, dass man Lebensmittel im Supermarkt bekommt.

Bezirksalmbauer Ludwig Bödecker aus Ruhpolding stellte eine Rechnung vor: „Ein Landwirt ernährt 150 Verbraucher, aber 150 Verbraucher können nicht mal einen Landwirt ernähren. Das kann doch so nicht richtig sein.“

Wie kommen wir von den Schulden weg?

Am Abschluss der Diskussionsrunde mit den Direktkandidaten wollte Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer von den Politikern wissen, wie die durch die Pandemie verursachten hohen Staatsschulden geschultert werden sollen, ob Steuererhöhungen von ihrer Partei geplant seien.

Für Dr. Peter Ramsauer (CSU) sind Steuererhöhungen „pures Gift“. Er habe es 2008 als Ländergruppenchef der CSU geschafft, dass bei der Reform der Erbschaftssteuer die Landwirtschaft ausgenommen wurde. „Wenn andere drankommen, ist das aus“, meinte er in Bezug auf die anstehenden Wahlen. Er sei auch „vehement gegen jede Art von Vermögensabgabe“. Deutschland stehe von allen EU-Ländern noch am besten da, was die Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt betreffe. Auch mit der FDP werde es keine Vermögenssteuer geben, erklärte Patrick Weiß: „Wenn wir aus den Schulden raus wollen, brauchen wir positives Wirtschaftswachstum. Für Martin Hartmann (Die Basis) wäre es nur gerecht, wenn Börsennotierte Unternehmen und Firmen wie Amazon mehr Steuern zahlen müssten: „Man sollte das Geld doch bitte von denen holen, die es haben.“ Auch findet er es nicht richtig, dass die großen Autobauer Deutschlands Geld vom Staat nahmen für ihre Kurzarbeit und dann Rekorddividenden auszahlten. Dass sich die Landwirte keine Sorgen machen müssten, hob Wolfgang Ehrenlechner von den Grünen hervor. Seine Partei wolle keine generelle Einkommenssteuererhöhung, sondern einen Zusatzaufschlag für Spitzenverdiener und eine Vermögenssteuer für Vermögen über zwei Millionen. Dazu zählten aber keine für den Fortbestand wichtigen Betriebsmittel oder wie im Fall der Bauern landwirtschaftliche Flächen und Gebäude. Er begründete das: „Wir stehen nicht nur vor den Corona Schulden. Auch für den Klimawandel sind teure Maßnahmen notwendig mit Milliardeninvestitionen in den nächsten Jahren.“ Für Joachim Bernshausen (AFD) ist ein Punkt erreicht, an dem die Rückzahlung der Schulden gar nicht mehr möglich ist, „da kommen wir mit normalen Maßnahmen nicht raus“. Auf die rhetorische Frage von Sebastian Siglreithmayer, was denn ein Landwirt mit seiner umfassenden Ausbildung und rund 70 Wochenarbeitsstunden verdienen müsse, kam von Dr. Peter Ramsauer die schnelle Antwort: „100000 Euro im Jahr müssten das schon sein.“ Über diese Summe, von der sie weit entfernt sind, konnten die Mitglieder des BBV Kreisvorstandes allerdings nur lachen.

Bericht und Fotos: Pia Mix

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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