Leitartikel

Atzinger Trachtler auf Spurensuche in Amerika

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Auf Spurensuche von Atzing nach Amerika machten sich in diesem Sommer drei Mitglieder vom Trachtenverein „Daxenwinkler“ Atzing: ihr Ziel war es, die verwandten und ausgewanderten Vorfahren beziehungsweise deren Nachkommen zu treffen. Auf den Weg über den weiten Teich machten sich Leopold Schlosser senior –mit 84 Jahren der Älteste des Trios-, sein Bruder Michael Schlosser, beide aus Prien-Stetten und deren Cousin Guido Obermaier aus Bachham.  

 Es war in den Jahren 1926 und 1927 als aufgrund von Arbeitsmangel viele Chiemgauer ihr Glück mit einer Reise nach Amerika suchten. Als einer der ersten aus dem Atzinger Raum machte sich Sepp Obermaier, langjähriges Mitglied des Trachtenvereins „Die lustigen Wildenwarter“ und  ein Onkel von Guido Obermaier auf die lange Schiffsreise. Es folgten schon bald die jungen Männer Nikolaus Friedrich vom Schlosser-Anwesen in Siggenham und Hans Tiefenthaler aus Anisag (Gemeinde Riedering) sowie Maria Obermaier aus Bachham. 1928 wagte dann Leopold Schlosser, Vater von Leopold und Michael Schlosser, den Sprung auf den entfernten Kontinent. Vier Jahre sollte der Aufenthalt in Amerika dauern, zum Teil arbeitete Leopold Schlosser zusammen mit seinem Freund und Atzinger Trachtenvereinskameraden Georg Stocker (Backl von Munzing) in einer New Yorker Metzgerei in zwei Schichten und im Akkord bei der Schinkenherstellung. Wie das Atzinger Trio bei einem Gespräch nach ihrer nunmehrigen Rückkehr erzählen konnte, war es zu damaliger Zeit gar nicht so einfach, in die USA zu reisen. „Zuerst brauchte man in Amerika einen Bürgen, dann waren die Briefe wochenlang unterwegs, alsdann dauerte die Schiffsreise ganze zwei Wochen und letztlich wurde man dann von seinem Bürgen bei der Schiffsankunft abgeholt“ – so Leopold Schlosser, dessen Vater durch seine viele Arbeit gutes Geld verdiente. Dieses Geld wurde per Bank „rübergeschickt“ und davon wurde daheim ein Stück Wald für die Landwirtschaft des „Huber-Anwesens“ von Stetten dazugekauft. Als 1932 Leopold Schlosser einen Heimaturlaub hatte und sein Vater schwer erkrankte, da entschied er sich, nicht mehr nach Amerika zurückzukehren, sondern das Erbe in der Landwirtschaft anzunehmen. Seine Freunde Sepp Obermaier, Nikolaus Friedrich, Hans Breckl (Mitglied beim Priener Trachtenverein) und Georg Stocker sind jedoch ganz geblieben. Diese konnte im Jahr 1957 Leopold Schlosser als Sohn des  „zurück-gewanderten“ Huber-Bauern alleine besuchen. Bei ihrem heurigen Besuch galt das Interesse den Nachkommen der Ende der 20er Jahre Ausgewanderten. Sepp Obermaier war mit Maria Wörndl (Roun von Ernsdorf) verheiratet, aus dieser Ehe gingen zwei Töchter  hervor.   Tochter Maria, verheiratet mit Karl Kerle und Tochter Irma, verheiratet mit Fritz Blume konnten aufgrund vorheriger Telefonkontakte angetroffen werden. Von ihnen wurden die Atzinger überaus freundlich empfangen und gemeinsam mit den Kindern der Familien Kerle und Blume wurden sie zum Essen eingeladen. Mit ihnen wurde auch ein Teil des Reiseprogrammes gemeinsam gemacht. Dabei fuhren sie auch zum New Yorker Denkmal der beiden zerstörten Tower mit den Wänden, die die Namen der dreitausend Opfer  des Terroranschlags von 2002 nennen. „Der Sohn von Fritz Blume hatte bei diesem Anschlag einen Freund namens Mike verloren und er suchte schon früher vergeblich nach dessen Namen. Diesmal, als wir mit dabei waren und dorthin gingen, haben wir ihn sofort entdeckt“, so Michael Schlosser, der noch hinzufügte, dass an diesem denkwürdigen Platz mit neuem Turm und mit Friedensbrunnen eine fast sprachlose Stille in einer sonst so lauten Stadt herrschte.  Beeindruckt waren die Atzinger auch davon, dass in New York überaus viele neue Bäume gepflanzt worden sind sowie vom Botanischen Garten als einem der Sehenswürdigkeiten. Ein nächster Besuch galt bei einer dreitägigen Rundreise unter anderem den berühmten Niagara-Fällen sowie dem Grab für den im Jahr 1986 verstorbenen Sepp Obermaier und seiner später ebenfalls verstorbenen Frau Maria  in Cobake.  Eine Übernachtung war noch in Kanada ehe es dann wieder zurück nach New York und letztlich nach Atzing ging. Für Guido Obermaier war es eine ganz besondere Erfahrung, nachdem er erstmals 1978 als Sechsjähriger mit seinen Eltern und im August 1988 als 16-Jähriger mit seinem Schulfreund Leopold Schlosser junior bereits zweimal in jungen Jahren in den USA war. Michael Schlosser war gar das erste Mal dabei.  Leopold Schlosser senior hingegen war schon mehrmals in Amerika. Das erste mal gar für ein halbes Jahr 1957/1958, als er im Rahmen eines Paten-Projekts der Gebrüder Obermaier (TOGU-Ballfabrik) nach New York entsandt wurde. In den weiteren Reisen 1996 und 2010 wurde der Kontakt mit den Familien der ausgewanderten Verwandten ebenso aufrecht erhalten wie durch Gegenbesuche. In all den Jahrzehnten kamen nämlich die Auswanderer auch des öfteren in ihre Chiemgauer Heimat zu Besuch. Dabei und auch beim jüngsten Besuch der Atzinger Trachtler gab es stets viel zu erzählen, denn die Trachten- und Brauchtumspflege wurde seinerzeit nach Amerika mitgenommen und wird auch heute noch beim Gauverband Nordamerika und bei drei Trachtenvereinen in New York aktiv gepflegt.

Foto: Hötzelsperger – Drei Atzinger Trachtler, die auf Spurensuche in Amerika waren, von links: Leopold und Michael Schlosser mit Guido Obermaier.

Repro: Hötzelsperger – Leopold Schlosser mit seiner Tante Maria und mit seinem Onkel Sepp Obermaier im Flughafen von New York im Herbst 1967.

Weitere Fotos: Reiseeindrücke von Leopold und Michael Schlosser und Guido Obermaier , u.a. mit Grab von Joseph und Maria Obermaier

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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