Leitartikel

Aschauer Erinnerungen an zwei Bundespräsidenten-Aufenthalte

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

70 Jahre sind es in diesem Sommer, dass das Aschauer Tal mit den damals noch selbstständigen Gemeinden Nieder- und Hohenaschau allerhöchsten Besuch erhielt als sich Bundespräsident Dr. Theodor Heuss (FDP) mit Frau Elly und mit seinem Sohn zu einem vierwöchigen Erholungsaufenthalt einfand. Der Bundespräsident weilte im damaligen Kurhaus Dr. Fahsel (heute in Privatbesitz) erstmals im Jahr 1950, er wiederholte seinen Aufenthalt ein Jahr später im Jahr 1951 noch einmal – ein untrügliches Zeichen, dass es dem Bundespräsidenten im Priental getaugt hat.

Aber wie kam es zu diesem hohen Besuch? Im Archiv der Gemeinde Aschau findet sich ein Bericht im Münchner Merkur vom 5. Juli 1950. Diesem ist zu entnehmen, dass   Hanns Hüller als Zweiter Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins ideenreich und reisefreudig war. So machte er sich auf den Weg in die damalige Bundeshauptstadt Bonn, um für Hohen- und Niederaschau zu werben und den darniederliegenden Fremdenverkehr wieder anzukurbeln. Dabei ergab es sich, dass Herr Hüller im Bundesparlament zu den Abgeordneten über die Lage des Fremdenverkehrs sprechen konnte. Als Folge dieser Werbung schickte zunächst einmal die Stadt Bonn zwei Herren in geheimer Mission nach Aschau. Die vierwöchige Prüfung fiel bestens aus, doch freilich konnte man nicht damit rechnen, dass neben einigen Bundestagsabgeordneten auch der Bundespräsident höchst persönlich dem Werberuf folgen will. „Und jetzt ist er da, unser Präsident“ – so soll   Johann Neumüller gesagt haben und dieser einfache Aschauer Bürger berichtete weiter: „Ja, und gestern hab i gredt mit de Herrn, ob Sie´s jetzt  glauben ode net: siehg i doch am Nachmittag zwei Herren auf der Hausbank sitzn, denk mir aber nichts weiter dabei. Auf oamal schau i a bisserl gnauer und da gibt´s mir glei an Riß durch und durch. Entschuldign´s , sag i zu dem älteren Herrn, Sie san doch der Herr Bundespräsident, net wahr? Ja, das bin ich, hat er gsagt und recht freundlich glacht. No, und nachher ham ma uns a bisserl unterhalten miteinander. A scheens Wetter und a guate Erholung  hab i gwunschen. Nachher sind´s wieder ganga. Aber des muaß wahr sei und des hab i mit  meine alten Augn no gsegn: ER is a Charaktermensch durch und durch, unser Herr Präsident!“.

Zwei Heimatabend zu Ehren des Bundespräsidenten in der Aschauer Festhalle

Gut und gerne erinnert sich auch der heute 80jährige Hubert Haas aus Bernau-Felden an die Bundespräsidenten-Besuche in Aschau. Einmal durfte er als kleiner Trachtenbuazusammen mit seiner Schwester Liesi beim Empfang am Bahnhof einen Latschen- und Bergblumen-Strauß überreichen und den Birkensteiner-Plattler zeigen. „Besonders freute ich mich am Anfang, dass ich extra schulfrei bekam, aber dann war ich auch mächtig stolz, dass ich so nah dabei sein durfte“, so Hubert Haas, der sich auch noch erinnert, dass sich der Herr Bundespräsident bei seinem zweiten Besuch bei einer Bergtour mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Hans Ehard verletzte. Beim Versuch, über eine Barriere zu springen, brach sich Theodor Heuss den Oberarm und verrenkte sich die Schulter – so hieß es hernach in der Zeitschrift DER SPIEGEL. Eine große Ehre für die Aschauer Bevölkerung war es bei beiden Besuchen, dass zu Ehren des Bundespräsidenten in der Hohenaschauer Festhalle ein Heimatabend gestaltet wurde. Nach dem ersten Abend im Juli 1950 hieß es in der Heimatzeitung DAS BAYERNLAND unter anderem: „In der Festhalle drängten sich nicht nur die Alteingesessenen in malerischer Tracht, sondern auch die Neubürger (Sudetendeutsche und Schlesier), die ihre heimatlichen Bräuche als unzerstörbaren Besitz mitgebracht hatten sowie die dunkel gewandeten Barmherzigen Brüder, die auf dem Schloss Hohenaschau kranke Rußland-Heimkehrer pflegten“. Zum Auftritt kamen beim Heimatabend  am 29. Juli 1950 unter anderem die hunderjährige Chor- und Orchestervereinigung, eine Handharmonika-Kapelle sowie Blasmusik, Trachten, Gesang und Theater aus Nieder- und Hohenaschau. Bürgermeister Georg Bauer von Hohenaschau überreichte an den Bundespräsidenten einen handwerklich gestalteten Wandteller mit Aschauer Wappen. In einer kurzen Ansprache bedankte sich Theodor Heuss mit dem zu damaliger Zeit bedeutungsvollen Satz: „Wir haben ein Recht zur Freude und zum Humor“. Dabei spielte er auf die Anordnung der Bayerischen Staatskanzlei an, die in einem scharfen Zirkular alle Amtsgewaltigen ersucht hatte, sämtliche offiziellen Kundgebungen während des Aufenthaltes des Bundespräsidenten im Priental zu unterlassen. Hierzu sagte Heuss: „Wenn die Bayerische Staatsregierung in diesem Abend eine Verletzung der Ruhe des Bundespräsidenten sieht, deren Schutz befohlen war, dann brauchen Sie sich, Herr Bürgermeister, nicht die grauen Haare wachsen lassen, die ich schon habe. Sie, Herr Bauer, und ich, wir werden mit der Staatskanzlei schon fertig“. Auch der zweite Heimatabend zu Ehren des Bundespräsidenten am Mittwoch, 25. Juli wurde zu einem eindrucksvollen Erlebnis für alle Beteiligten, zu den Mitwirkenden gehören dabei die Blasmusikkapelle Aschau mit dem „Gruß-an-Aschau-Marsch“ und dem „Bayerischen Defiliermarsch“, der Aschauer Männerchor (mit dem Bundeslied „Ewig liebe Heimat“), die Zitherfreunde Aschau, das Kinder-Trio (Ilse und Gisa Göser mit Fredl Leimböck), die Kinder und Aktiven der Trachtenvereine Nieder- und Hohenaschau, die Aschauer Dirndl mit Volkslied und Jodler sowie der Theaterverein Aschau (mit dem Ludwig-Thoma-Einakter „Dö Brautschau“)  ehe die Musikkapelle zum allgemeinen Tanz aufspielte. Zu den jungen Plattlern, die bei den Heimatabenden dabei waren, gehörte auch Max Schaitl, er erinnert sich ebenfalls gerne an die Auftritte in der Festhalle: „Damals waren weder  Polizei noch Sicherheitspersonal notwendig, der Herr Bundespräsident war leger und wir alle hatten Hochachtung vor ihm“.

In der Chiemgau-Zeitung vom 1. August 1950 hieß es:

„Aschau feierte den Bundespräsidenten. Ein Abend voll schönem Klang und herzlicher Harmonie, ein Abend von so außergewöhnlicher Art, dass er nicht nur als unvergeßlich in die Annalen der Aschauer Geschichte eingetragen sein, sondern auch in den Herzen aller Teilnehmer nachklingen wird. Unter allgemeinem Händeklatschen verließ der die unvergessliche Feier, um leider in wenigen Tagen unser Aschauer Tal wieder für längere Zeit zu verlassen“.

Repro/s: Hötzelsperger – Empfang von Bundespräsident Heuss 1950 am Aschauer Bahnhohf – Heimatabend-Plakat 1951 – Titel der Zeitschrift „Das Ufer“ mit dem Ehehpaar Heuss – Programm Heimatabend 1951 – Eintrag ins Gästebuch des Kurheimes Dr. Fahsel mit persönlicher Zeichnung der Kirche von Niederaschau – Bericht im Münchner Merkur vom 5. Juli 1950.

Foto im Archiv der Gemeinde Aschau mit Ilse Gossner (mit einem Plakat vom Alpenländischen Sängertreffen 1948 mit dem Kiem Pauli in der Festhalle Hohenaschau) –   Ilse Gossner war  Mitglied vom Aschauer Kindertrio, das vor 70 Jahren für den Bundespräsidenten singen durfte.

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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