Eine romantische Oper, die auch „Tatjana“ heißen könnte – Gefeierte Premiere von Tschaikowskis „Eugen Onegin“ am Salzburger Landestheater – Von Helmut Rieger
Tatjana Larina ist die eigentliche Heldin des Versromans „Jewgenij (Eugen) Onegin“. Alexander Puschkin vollendete ihn 1830. Fast 50 Jahre danach war Peter Iljitsch Tschaikowski von dieser Erzählung so begeistert, dass er sich, kaum hatte Konstantin Shilovsky das Libretto geschrieben, ans Komponieren machte. Es war seine erste Oper, 1879 überaus erfolgreich uraufgeführt. Die Titelfigur ist ein blasierter, amoralischer Jung-Adeliger, durch Erbschaft reich geworden, ein Lebemann voller Lebensüberdruss, der mit Vergnügungen die Langeweile vor sich hertreibt. In der Salzburger Neuinszenierung stellt ihn der Bariton George Humphreys dar, der im Herbst diesen Männertypus bereits in Mozarts „Don Giovanni“ überzeugend sang und spielte.
Schauplatz der Handlung ist das Landgut der Familie Larin. Die verwitwete Mutter (Maria Bulgakova) hat zwei Töchter, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die jüngere, Olga (Therese Troyer), ist leichtfüßig, lebenslustig und hat einen Verlobten, den in der Nachbarschaft wohnende Poeten Wladimir Lenski. Die ältere Tochter, die zu Schwermut neigende Tatjana, taucht mittels intensiver Roman-Lektüre in eine Fantasiewelt voller Liebesideale ein. Sie wird zur eigentlichen Heldin der Oper, da sie als einzige Figur Größe zeigt und eine Entwicklung durchmacht.
In der Salzburger Produktion hat Tatjana aber auch aus einem anderen Grund eine eigene Strahlkraft: Mit ihrer großartigen Interpretation voller Inbrunst und voluminös-eleganten Stimmgebung reißt die junge Sopranistin Tatev Baroyan das Publikum immer wieder zu Begeisterungsstürmen und Bravo-Rufen hin, ob nach dem Schreiben des berühmten Briefs an Onegin, ob im Gespräch mit der Amme Filipjewna (Mona Akinola) oder, Jahre später, als Ehefrau des Fürsten Gremin, den Daniele Macciantelli mit herrlich sonorem Bass singt. Onegins Freund und späteren Gegner, den Romantiker Wladimir Lenski, verkörpert Luke Sinclair mit wunderbar lyrischem Tenor, kraftvoll-leidenschaftlich auch in den hohen Lagen. Die Freundschaft der beiden kippt in ihr Gegenteil, als Onegin sich bei einem Ball Olga in provokant-frivoler Weise nähert. Lenski fühlt sich in seiner Ehre verletzt, fordert Onegin zum Duell und kommt dabei um.
Gelegentlich wird die tragische Handlung aufgelockert. Ein Höhepunkt dieser „humorvollen Entlastung“ ist das Couplet des Franzosen Triquet, erfrischend komisch in Szene gesetzt von Grégoire Fedorenko mit angenehmer Tenorstimme. Die Idee, ein Protagonisten-Paar tänzerisch-pantomimisch zu doublieren, ist nicht neu. Während der Mozartwoche im Januar bekam man das bei Rolando Villazóns Inszenierung der „Zauberflöte“ vorgeführt. Dass Regisseurin Alexandra Liedtke diesen dramaturgischen Kunstgriff für Tatjana und Onegin nutzte, erscheint reizvoll und wird von Ana Đorđević und Yannick Neuffer meisterhaft realisiert (Choreografie: Louis Stiens). Dennoch stellt sich die Frage, ob Tschaikowskis Musik das braucht, oder ob die Tanzeinlagen bei den Zwischenspielen nicht eher von ihr ablenken. Vielleicht gilt auch hier der Grundsatz, dass man nicht alles „vor Augen führen“ muss, sondern die evokative Kraft der Musik (zumal bei Tschaikowskis genialen Klangfarben) für sich wirken lassen darf.
Das minimalistisch-sachliche Bühnenbild (Philip Rubner) lässt den Zuschauern diesen Raum für die eigene Fantasie. Alles in allem eine empfehlenswerte Opernproduktion im russischen Original, mit wunderschöner Musik (dargeboten vom gut disponierten Mozarteumorchester, umsichtig dirigiert von Leslie Suganandarajah), einem gut präparierten Chor (Einstudierung: Mario El Fakih) und hervorragenden Gesangssolisten.
Text: Helmut Rieger – Fotos: Salzburger Landestheater











