Leitartikel

145 Jahre Verein der Bayern in Berlin e. V.

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Die Gründungsväter des Vereins der Bayern in Berlin hätten es sich sicherlich nicht träumen lassen, dass es 145 Jahre später wegen einer Pandemie nicht möglich ist, gemeinsam zum Gründungstag auf das langjährige Bestehen des Vereins anzustoßen. Selbst in den Kriegsjahren des letzten Jahrhunderts konnte man, zumindest im kleinen Rahmen zusammenkommen.

Es ist einmalig in der Vereinsgeschichte, dass ein sogenannter „Lockdown“ das Vereinsleben komplett zum Erliegen bringt. Inwieweit unser Verein in diesem Jahr sein 145. Jubiläum noch feiern kann, hängt vom weiteren Verlauf der Corona-Krise ab.

Es war am 2. Januar 1876, als Exilbayern in Berlin den Verein der Bayern gründeten, um den, in der damaligen Reichshauptstadt lebenden Bayern und deren Familien ein Heimatgefühl zu vermitteln, ohne Rücksicht auf ihre politische, religiöse oder gesellschaftliche Stellung.  In den Mitgliederlisten erschienen bald die Namen vieler bekannter bayerischer Familien aus Adel und Bürgerschaft, die dem Verein gesellschaftlichen Rang vermittelten. Nicht wenige der Mitglieder spielten im politischen, wirtschaftlichen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leben Berlins eine Rolle. Am 12. März 1895 trat der bayerische Gesandte in Berlin, Graf von und zu Lerchenfeld dem Verein bei und übernahm auch den Ehrenvorsitz. 1906 wurde er Protektor des Vereins. Im gleichen Jahr nahm Prinz Ludwig von Bayern das Ehrenprotektorat des Vereins ein. Ihm folgte in dieser Funktion ab 1913 Kronprinz Rupprecht von Bayern. Die Festlichkeiten und Veranstaltungen des Vereins gewannen immer mehr die Beachtung der Berliner Öffentlichkeit und ihres gesellschaftlichen Lebens. Die Pflege von freundschaftlichen Beziehungen zu landsmannschaftlichen Verbänden und Vereinen, in und außerhalb Berlins, war und ist auch heute noch ein besonderes Anliegen des Vereins. Das rege Vereinsleben spiegelt sich insbesondere bei den traditionellen Veranstaltungen, wie Osterfeuer, 1. Mai mit Almauftrieb, Sonnwendfeier und Oktoberfest wider, wo die bayerischen Traditionen aktiv gepflegt und vermittelt werden.

Während der beiden Weltkriege hat der Verein auch soziale Aufgaben wahrgenommen, um notleidenden Landsleuten in Berlin Hilfe zu teil werden lassen. Somit hat er damals, in diesen schwierigen Zeiten, sogar den Ruf als Wohlfahrtsorganisation erhalten. Der 1. Weltkrieg hat auch im Bayernverein seinen Blutzoll gefordert. Den Verlust von 39 Mitgliedern und Söhnen von Vereinsmitgliedern hatte er zu beklagen. Auf der 1920 enthüllten 2m hohen Gedächtnistafel, die verschollen ist, findet sich auch der Name mindestens eines jüdischen Mitglieds, des Bankiers und Oberleutnants der Reserve Ernst Mendelssohn – Bartholdy. Während der Inflation verlor der Verein sein Vermögen bis auf kümmerliche Reste. Um den häufigen Wechsel der Vereinslokale in Gastwirtschaften abzustellen und den Verein auf eigenem Grund und Boden in Berlin sesshaft zu machen, gelang es im Jahre 1924 zunächst pachtweise ein sehr schönes, mit reichem Baumbestand versehenes Grundstück im Tempelhofer Feld zu erwerben und darauf eine Almhütte zu errichten, die mehrere hunderte Personen fassen konnte und gut heizbar war. Auf diesem Bayernplatz entwickelte sich Sommer und Winter über ein reges und fröhliches Vereinsleben mit zahlreichen Veranstaltungen heimatlichen Charakters. Insbesondere seien die jährliche Johannifeier und das nach Münchner Art ausgerichtete Oktoberfest erwähnt. 1936 erwarb der Verein den schon längst ersehnten eigenen Grund in Berlin-Lichterfelde, Hindenburgdamm 7. Während des 3. Reiches stand der Verein der Bayern unter Bevormundung des nationalsozialistischen Reichsbundes Volkstum und Heimat. Dazu wurde dem Verein 1934 auferlegt, seine Satzung und seinen Namen ändern. Ebenso musste am 12. September 1935 das Ehrenprotektorat des Kronprinzen Rupprecht für erloschen erklärt werden. Der Verein hieß nun “Landsmannschaft der Bayern”. Dennoch waren die Mitglieder während dieser Zeit standhaft genug, keinen Nazi zum Vereinsführer zu wählen.

Wie die ganze Berliner Bevölkerung hatte im 2. Weltkrieg auch der Bayernverein wieder seinen Blutzoll entrichtet. Etliche Mitglieder erlagen den Luftangriffen. Eine Anzahl fiel als Soldaten und mindestens einer, der letzte Bayerische Gesandte in Berlin, Franz Sperr, Ehrenmitglied des Vereines seit September 1934, starb im Widerstand (Kreisauer Kreis) als Opfer des 20. Juli 1944. Nicht wenige flohen aus der Stadt. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn wegen der Papierknappheit musste bereits 1941 der Druck unserer Vereinsnachrichten eingestellt werden. Im Chaos, das der Nationalsozialismus 1945 hinterließ, blieb dem Verein der Bayern jedoch das Gartengrundstück in Lichterfelde. Ende des Jahres 1948 wurde bei der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz zum Wiedererstehen des Bayernvereines beantragt und von ihr auch genehmigt. Bereits im Frühjahr 1949 konnte ein neuer Vorstand gewählt und im gleichen Jahr erstmalig wieder ein Johannifest und auch ein Oktoberfest gefeiert werden. In den fünfziger Jahren erlebte der Verein wieder eine Blütezeit. 1951 wurde das 75-jährige Gründungsfest in den Kasinosälen des Funkturms wieder als großes Trachtenfest gefeiert. Das 100-jährige Stiftungsfest fand 1976 im Prälaten Schöneberg unter dem Protektorat des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Schütz, und der Bayerischen Staatsregierung statt.

 

Seit 1980 steht auf dem Bayernplatz eine neue schmucke Almhütte, das aus dem Erlös eines, an das benachbarte Sommerbad des Bezirks Steglitz abgetretenen, 2000 m² großen Grundstückteils finanziert werden konnte. Die Verbundenheit mit den Heimat- und Volkstrachtenvereinen in Bayern hat dazu beigetragen, dass in unserem Verein die soziale Verankerung zur bayerischen Heimat, sprich „das Heimatgefühl“, nicht nachgelassen hat. Insbesondere bestehen enge Kontakte mit Vereinen in der Oberpfalz und dem Chiemgau. Daneben pflegt der „Verein der Bayern in Berlin“ auch freundschaftlichen Beziehungen zu nichtbayerischen Trachten- und Brauchtumsvereinen in und auch außerhalb Berlins. So ist der Verein seit mehreren Jahren auch Mitglied beim „Mitteldeutschen Heimat- und Trachtenverband“.

Zum 140. Gründungsjubiläum wurde dem Verein im Jahr 2016, als dem ältesten aktiven Trachtenverein im Deutschen Trachtenverband die höchste Auszeichnung des Verbandes, die Trachtentafel in Brillant verliehen. Die Teilnahme von vielen Vereinen aus dem ganzen Bundesgebiet, insbesondere der Oberpfalz und dem Chiemgau, zum 140. Gründungsfest, stärkten die Motivation der „Bayern in Berlin“, sich in der Bundeshauptstadt auch in Zukunft für die aktive Pflege des bayerischen Brauchtums einzusetzen. Auf dem Vereinsgelände, mit Almhütte, Biergarten und Tanzboden, finden neben den traditionellen Veranstaltungen auch kulturelle Veranstaltungen, Konzerte und heimatkundliche Vorträge statt. Dazu gibt es jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat Übungsnachmittage der Trachtentanz- und Plattlergruppe des Vereins, wo auch Gäste recht herzlich willkommen sind.

Auch die Pflege der traditionellen bayerischen Volksmusik, des geselligen Kartenspiels, wie z. Bsp. Schafkopfen, sowie das Feierabendbier gehören mit zum geselligen Beisammensein des Vereins. In den kommenden Jahren ist der Verein seiner Aufgabe weiterhin gewachsen, den bayerischen Landsleuten in Berlin ein Stück Heimat zu vermitteln, wo sie ihre Identität wahren können, d.h. das bayerische Brauchtum mit Sprache, Musik und Tanz zu pflegen. Auch Nicht-Bayern, als Freunde des bayerischen Brauchtums sind als Mitglieder herzlich willkommen.

www.verein-der-bayern-in-berlin.de

Bericht: Helmut Amberger, 1. Vorsitzender des Vereins der Bayern in Berlin e.V.

Fotos: Archiv des Vereins

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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