Brauchtum

100 Jahre GTEV „D`Rechlberger“ Oberwössen

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Nicht nur der Trachtenverein D‘Rechlberger mit seinen 172 Mitgliedern, sondern die ganze Dorfgemeinschaft packt an, wenn die Rechlberger am langen Wochenende vom Donnerstag, 4., bis Montag, 8. Juli, ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Ein kleines Dorf für große Feste, das haben die Trachtler mit der Dorfgemeinschaft in Jubiläen und Fahnenweihen, aber vor allem mit den Gaufesten 1934, 1979 und 2004 unter Beweis gestellt.

„Sehr aktiv“ sieht Bürgermeister Ludwig Entfellner den Oberwössner GTEV D‘Rechlberger. „Brauchtum und Volkskultur leben die Rechlberger das ganze Jahr hindurch.“. Der Schirmherr und ehemalige Gauvorstand im Chiemgau Alpenverband sieht in den Trachtlern einen unverzichtbaren Bestandteil des Oberwössner Dorflebens. „Als Anker und Bindeglied gestalten sie das gesellschaftliche Leben entscheidend mit.“ Der Bürgermeister lobt die aktive Jugendarbeit. „So wird regionale Identität geschaffen.“

2019 ist das Jahr, in dem sich die Oberwössner ihrer Geschichte besonders erinnern. Ihr hoher Respekt gilt den Gründern, die 1919 in schwierigen Zeiten den Trachtenverein ins Leben riefen. Bewunderung empfinden sie, unter welchen Bedingungen vor und während des Ersten Weltkrieges die Bewegung zur Erhaltung und Pflege heimatlichen Brauchtums aufkam. Doch erst 1919, am 14. August, gossen 22 Oberwössner, zumeist Bauern und Handwerker, das in die feste Form eines Vereins.

Den schwierigen Zeiten ist es geschuldet, dass die Rechlberger ihre erste Vereinsfahne erst 1921 in einem glanzvollen Fest feierten. Kirchenzug, Festgottesdienst, Festzug und Festabend bildeten den Rahmen für die Weihe. Pate war der Nachbarverein D‘Achentaler Unterwössen.

Der Gauvorstand des Chiemgau Alpenverbandes Miche Huber hebt in seinem Grußwort hervor, dass der Trachtenverein D‘Rechlberger Oberwössen 1926 zu den neun Gründervereinen gehörte, die das Fundament des Gauverbandes bildeten.

Auch in dieser Zeit waren die Mitglieder nicht auf Rosen gebettet. Die Tracht war vielfältig und verschiedentlich gab es Streit wie über die Schuhe. Die über den Knöchel reichenden schweren Schuhe des Schlechinger Schusters wichen letztendlich den zuerst als sportlich empfundenen leichteren Schuhen des Ortschusters Georg Käsmeier. Das Aussehen und die Zusammenstellung der Tracht war sehr vom sozialen Stand und dem Geldbeutel ihrer Träger abhängig.

Dem Enthusiasmus für die Trachtensache tat das keinen Abbruch. Auch wenn heute nur schwer vorstellbar, damals herrschte ein regelrechter Andrang auf die Ehrenämter im Verein. Mit der Wahl zum Vorstand stieg das Ansehen im Ort erheblich. Ein Vorplattler genoss hohen Respekt bei den Burschen und den Erfolg bei den Trachtendirndln. Im Gerangel um das Ehrenamt wechselten die ersten Vorstände beinahe jährlich.

20 Vorstände bestimmten die Geschicke des Vereins über die Hundert Jahre. Aus ihnen sticht einer hervor. Der zweite Bürgermeister der Gesamtgemeinde Unterwössen Barthl Irlinger stand den Oberwössner Trachtlern von 1970 bis 2005, also 35 Jahre vor. Noch heute ist er der Trachtensache eng verbunden und moderiert die Heimatabende.

Die Geschichte setzte für die Rechlberger 1934 mit dem achten Gaufest einen nächsten Höhepunkt, eines der letzten Gaufeste für einige Jahre. Die politische Entwicklung hinterließ auch im Verein der Rechlberger ihre Spuren. Erfreuliches gab es musikalisch zu berichten. Aus den Reihen der Rechlberger entstand ein Mundharmonikaquartett, das regelmäßig in den Heimatabenden auftrat. Ein Männer-Viergesang aus Oberwössen erhielt eine Einladung zum Reichssender nach Hamburg.

Während des Zweiten Weltkrieges kam das Vereinsleben zum Erliegen. Viele Vereinsmitglieder rückten ein. Nach dem Krieg verzeichneten die Rechlberger eine Vielzahl an Verlusten. Da war die Gemeinschaft wichtiger Halt in der Bewältigung schwerer Aufgaben. Bis heute gedenken die Trachtler am Volkstrauertag der Gefallenen der beiden Weltkriege.

Das Jahr 1952 brachte die zweite Fahnenweihe. Ein neuer Festwagen stellte die Rechenbergalm dar. Der Erfolg des Gefährts förderte neue Ideen zu historischen Festwägen. Noch heute erzählen die Mitglieder im Chiemgau Alpenverband vom Heu- oder Schnittholzfuhrwerk der Rechlberger in den Festzügen. Besonders in Erinnerung blieb der eisenbereifte Prügelwagen in den Asphaltstraßen mehrerer Chiemgau-Gemeinden.

1962 entstanden aus den Reihen der Trachtler die Walchschmied Sänger, ein Männer Dreigesang, der die Zuhörer bis heute erfreut. Seit 1973 begleitet die Musikkapelle Weißbach den Verein bei Trachtenfesten und anderen Vereinsveranstaltungen. Zwischen den beiden Vereinen entwickelten sich über die 45 Jahre eine tiefe Freundschaft.

Im Jahr 1979 gab das 60-jährige Vereinsjubiläum die Grundlage für das 43. Gautrachtenfest des Chiemgau Alpenverbandes in Oberwössen. Schon damals war es das Anliegen des gesamten Dorfes, ihren Heimatverein zu unterstützen. Viele fanden so den Weg in die Mitgliedschaft.

Zum 85-jährigen Bestehen und zugleich 20-jährigen Jubiläum der Gaustandarte richteten die Oberwössner im Jahr 2004 das 68. Gautrachtenfest aus.

Dem allgemeinen Trend im Gau folgend verzeichnet der Trachtenverein D‘Rechlberger ein schwindendes Interesse an Heimatabenden. Gegen einen ähnlichen Trend verzeichnet er eine positive Entwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit. Die 20-seitige Festschrift, die Freude auf das diesjährige Jubiläum bringt, zeigt auf Seite 6 ein für das Dorf dieser Größe beeindruckende Kinder- und Jugendgruppe. Die Kinder sind stark ins kirchliche und kulturelle Leben eingebunden.

Deren natürliche Entwicklung führt später in die Aktivengruppe der Rechlberger. Die jungen Burschen und feschen Dirndln sind in mehreren Vereinen zu Hause und verlässlicher Partner für alles was das Dorfleben mitbringt. Dennoch verlieren sie die Trachtensache nicht aus dem Auge und machen in Preisplatteln und Dirndldrahn bis in die Graugruppe auf sich aufmerksam. Eine Besonderheit im Trachtenverein der Rechlberger sind die Goaßlschnalzer. Die aktiven Buam gründeten 1986 diese Gruppe. Die Burschen mit ihren Goaßln erregen Aufsehen bei großen Festen im In- und Ausland. Sie sind fester Bestandteil der Festvorbereitungen. Rechtzeitig zum 100-jährigen Bestehen gewannen sie fünf neue Nachwuchs-Schnoizer.

Sei es bei weltlichen oder kirchlichen Festen, die Röckifrauen erweisen sich als wichtiger Bestandteil im Trachtenverein und Dorfleben. Ein buntes Programm über das Jahr hält diese Gruppe zusammen. Zum Fest bastelten sie an vielen Abenden die Festzeichen zum Jubiläum. Sie schultern den Kaffee- und Kuchenverkauf.

Die Festvorbereitungen laufen seit Monaten. Der Terminplan für den Aufbau des Zeltes steht. Laut Festleiter Florian Aberger bleiben nur drei Tage, das Festzelt auf- und einzurichten.

Bei ihm und dem Ersten Vorstand Andreas Greimel laufen die Fäden der Festvorbereitungen zusammen. Hohes Lob gab es für beide in der letzten Jahreshauptversammlung der Rechlberger. Mitglieder lobten das hohe Pensum, dass diese beiden klaglos bewältigen. Nicht allein. Ihnen zur Seite stehen tatkräftige Mitglieder.

Bericht: Ludwig Flug

Fotos: GTEV Oberwössen

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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